m. z., Bad Schwartau.

Am Mittwoch, dem 21.September, warteten die Klassenlehrer der Obersekunda und der beiden Unterprimen im staatlichen Gymnasium von Bad Schwartau vergeblich auf ihre Schüler. Anstatt der Jungen und Mädchen kam ein Schreiben des Klassenbeirats der Eltern, in dem diese erklärten, daß sie ihren Kindern den Schulbesuch bis auf weiteres verboten hätten. Der Direktor der Schule, Oberstudiendirektor Dr. Müller, der seit drei Jahren bei der Landesregierung in Kiel darum kämpft, daß seine 556 Schüler anständige Klassenräume bekommen, hatte sich von diesem Tage an gegen zwei Seiten zu verteidigen: Gegen die Oberschulbehörde, er für den geregelten Gang seiner Schule verantwortlich ist, und gegen die Elternschaft, die zum Teil ihren Kindern den Schulgang verbot. Bis zum Freitagmorgen hatten sich vier weitere Klassen, insgesamt 120 Schüler, dem „Schulstreik“ angeschlossen. Als letzte folgten die Quartaner, die sich zur Stunde ihres Unterrichtsbeginns wie ein Haufen meuternder Landsknechte auf dem Schwartauer Marktplatz versammelten. Sie sandten einen Sprecher ab, der sehr aufgeregt und verlegen, dann plötzlich ganz seiner Würde als Klassenvertreter bewußt, mit einem Bündel von Briefen unterm Arm im Direktorzimmer erschien. „Herr Direktor, hier sind die Briefe unserer Eltern. Sie haben uns verboten, weiter zur Schule zu gehen, bevor der neue Schulbau nicht wirklich begonnen hat.“ Sprach’s, legte das zerknautschte Briefbündel auf den Tisch und machte auf der Hacke kehrt, bevor der Direktor ihn väterlich ermahnen und vielleicht doch zurückhalten konnte.

Geduld gerissen

Die Geschichte des „Schülerstreiks“ in Bad Schwartau hat wohl ebenso wenige Vorbilder in Deutschland wie die Räume, in denen die 556 Schüler des staatlichen Gymnasiums seit Jahren lernen müssen. Diese Räume und die Verzweiflung über die sich seit drei Jahren gemächlich und ohne sichtbaren Erfolg drehende Mühle der bundesdeutschen Bürokratie sind wahrhaftig Grund genug, daß den Schwartauer Eltern die Geduld riß und sie das taten, was weder die Schulleitung noch die Schüler hätten tun können: sie streikten, indem sie einfach ihren Kindern verboten, zur Schule zu gehen.

Im Jahre 1924 wurde am westlichen Eingang von Bad Schwartau eine kleine dreistöckige Polizeikaserne gebaut. Ein paar Jahre später zog die Polizei in ein anderes Gebäude, und in ihrer Kaserne wurden fünf Klassen einer Realschule untergebracht. Die 120 Kinder hatten bequem Platz im ersten und zweiten Stock, als es aber zur Zeit der Bombenflüchtlinge 150 und in einem Trimester sogar 200 Kinder wurden, beklagten sich Schulleitung und Eltern mit Recht über die unerträgliche Fülle.

Unterricht in der Milchküche

Seit dem Jahre 1945 hat sich die Bevölkerungszahl von Bad Schwartau verdoppelt. Viele Eltern, deren Kinder auf die Oberschule gehen (alle Oberschulen Schleswig-Holsteins heißen seit kurzem Gymnasien), schicken sie nach Lübeck. Aber es bleiben immer noch jene 556 in Schwartau. Da auch die größte Einsatzbereitschaft von Direktor und Lehrern mit ganztägigem Schichtunterricht nicht ausreicht, wird der Unterricht auch in den Keller- und Bodenräumen abgehalten. Neben den drei Kellerklassen, niedrigen, dunklen Räumen mit Steinfliesen und im Winter vor Feuchtigkeit tropfenden Wänden – der eine Raum, eine gekachelte ehemalige Milchküche, ist in den kalten Monaten auch mit Mänteln und Fausthandschuhen kaum zu benutzen –, liegen die Toiletten und der Kohlenkeller mit der Zentralheizung. Der üble Geruch, der in der warmen Jahreszeit durch das ganze Kellergeschoß zieht, findet im Winter noch einen Konkurrenten in den Heizungsgasen. Kinder und Lehrer haben sich in diesen Räumen alljährlich schwere Erkältungsleiden geholt. In den beiden Dachklassen, die selbst in der versöhnenden Herbstsonne grau And verkommen aussehen (in der einen findet der Musik- und Zeichenunterricht statt) sitzen, wie in allen Räumen dieser Schule, die Kinder zu dreien auf Zweierbänken. Unter der schrägen Decke können sie sich nicht aufrichten, und die Inhaber der Fensterplätze, die sich selbst im Sitzen ducken müssen, wissen nicht, ob die drückende Hitze auf der dünnen Ziegelsteindecke im Sommer oder die feuchte Kälte im Winter schlimmer ist. Hinter dem Schulhof, 20 mal 30 Meter im Quadrat, liegt der „Sportplatz“, ein Stück Ödland, auf dessen zementhartem Grasboden der Sportlehrer vergeblich einen normalen Sportunterricht durchzuführen versucht. Im Winter steht für sämtliche Schulen Schwartaus eine einzige Turnhalle zur Verfügung.