Drei Jahre und dann „Enthüllung“ und wieder drei Jahre und ein Prozeß

Von Walter Fredericia

Hannover 27. September

Der Schmeißer-Prozeß vor dem Landgericht Hannover wurde am Dienstagmittag überraschend durch Vergleich beendet. Bundeskanzler Dr. Adenauer, Botschafter Blankenhorn und Generalkonsul Reifferscheidt zogen ihre Strafanträge zurück, nachdem Schmeißer folgende Erklärung abgegeben hatte: „Ich habe bei meinen Aussagen über den Bundeskanzler und die Nebenkläger nicht in beleidigender Absicht gehandelt; soweit in meinen Aussagen ein Vorwurf ehrenrührigen oder pflichtwidrigen Verhaltens gegen die Genannten enthalten ist, halte ich ihn nicht aufrecht.“ Der „Spiegel“ gab folgende Erklärung ab: „Wir, Herausgeber und Redakteure des ‚Spiegel‘, geben die Erklärung ab, daß wir gegen Herrn Bundeskanzler Adenauer, Herrn Botschafter Blankenhorn und Herrn Generalkonsul Reifferscheidt einen Vorwurf pflichtwidrigen oder ehrenrührigen Verhaltens nicht erheben.“ Der Prozeßbevollmächtigte der anwesenden Nebenkläger, Rechtsanwalt Professor Dahs, teilte mit, daß er die Ermächtigung des Bundeskanzlers fernmündlich erhalten habe.

Vor drei Jahren hatte der „Spiegel“ geschrieben, daß der Botschafter Blankenhorn, damals Generalsekretär der CDU, und der Generalkonsul Reifferscheidt, damals Wirtschaftsbeauftragter der CDU, vor weiteren drei Jahren mit dem französischen Agenten Schmeißer Kontakte gehabt hätten. Jetzt beschwor der Beleidigungsprozeß gegen den „Spiegel“, der am Montag vor der Strafkammer des Landgerichts Hannover begann, all das Unerfreuliche jener zwielichtigen Atmosphäre der ersten Nachkriegsjahre herauf.

Den Strafantrag hatten Bundeskanzler Adenauer, Botschafter Blankenhorn und Generalkonsul Reifferscheidt gestellt. Angeklagt waren neben Schmeißer, der durchaus keinen dämonischen, sondern den Eindruck eines etwas überalterten Kandidaten der Theologie macht, der Herausgeber des „Spiegel“, Rudolf Augstein, und zwei seiner Redakteure, Hans-Hermann Mans und Hans-Dieter Jane, dazu noch ein Ministerialrat a. D. Ziebell, der allerdings gleich am Anfang aus formalen Gründen aus dem Prozeß ausscherte. Unter den Verteidigern befand sich der frühere württembergische Ministerpräsident Reinhold Maier und der Zentrumsführer Reismann sowie der in Pressesachen aus begreiflichen Gründen äußerst bewanderte Bruder Augsteins. Als Zeugen hatten bereits in der Voruntersuchung ausgesagt oder sollten noch auftreten: Bundeskanzler Adenauer, Ministerpräsident Zinn (Hessen), Ministerpräsident a. D. Ehard (Bayern), Landtagspräsident Zinnkann (Hessen), Generalleutnant a. D. Speidel aus Paris, Gesandter Strohm aus Südafrika.

Was fängt man mit so vielen Prominenten in einem Prozeß an? Das Gericht bemühte sich, ihre Prominenz nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das geschah zum Beispiel so: Bei der Prüfung der Vollmachten verstand der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Raatz, anscheinend den Namen des Rechtsanwalts (und früheren Ministerpräsidenten) Reinhold Maier nicht. „Wie war der Name“, fragte er nochmals. – „Maier“, rief einer der Verteidiger. – „Also Rechtsanwalt Maier aus Stuttgart“, stellte Dr. Raatz befriedigt fest...