Diese Behauptungen – so sagte die Anklageschrift – stehen im Widerspruch zu den Bekundungen Blankenborns, Reifferscheidts und anderer Zeugen. Blankenborns Aussage zufolge habe sich Schmeißer im Sommer 1948 als hochgestelter Beamter der französischen Militärregierung bei ihm eingeführt, obwohl er niemals eine gehobene Stellung bekleidet habe. Schmeißer habe Material über sowjetische Agenten und kommunistische Parteiorgane in Westdeutschland verlangt und die Verbindungen der CDU in der Sowjetzone ausnutzen wollen. Daraus hätten sich Besuche Schmeißers bei Blankenhorn innerhalb der nächsten fünf Monate und ein Gespräch mit Dr. Adenauer entwickelt. Dabei sei auch über Fragen der deutschfranzösischen Zusammenarbeit und über Irtegrierungsfragen gesprochen worden. Von einer "Berichterstattung" könne keine Rede sein; Schmeißer habe niemals Geheimmaterial, sonderr lediglich Abschriften von Kurzprotokollen des Parlamentarischen Rats erhalten, die auch den Militärregierungen zugeschickt wurden und der Presse zugänglich waren. Ein Speidel-Plan habe nie existiert. Die Geldzahlungen Schmeißers habe er nur. als Mittelsmann in Empfang genommen und an den Vertrauensmann der CDU, Dr. Rippert, weitergeleitet. Diese Zahlungen seien erfolgt, weil die CDU keine eigenen Gelder für Nachrchtenbeschaffung habe aufwenden können, Die Behauptung, daß er laufend mit Lebensmitteln aus französischen Magazinen versorgt worden sei, bezeichnet Blankenhorn als unwahr.

Schmeißer habe weiter niemals ein Angebot der französischen Militärregierung überbracht, vonach diese Dr. Adenauer und ihn im Falle eines russischen Angriffs in Sicherheit zu bringen beabsichtige. Das sei frei erfunden, ebenso wie die Behauptung, daß er an Schmeißer das Ansinnen gestellt habe, die der CDU für den Wahlkampf (1949) fehlenden Gelder – nach Schmeißers Argaben fehlten 800 000 DM – sollten von französischer Seite zur Verfügung gestellt werden. Blankenborn, dessen Angaben von mehreren Zeugen gestützt werden, erklärte, er habe von den Gerüchten, die Schmeißer über ihn in Umlauf setzte, in des letzten Monaten des Jahres 1951 ungenaue Kenntnisse erhalten; den Inhalt der Vernehmungen Schmeißers durch das hessische Verfassungsschutzamt, in denen diese Behauptungen über Blankenhorn zum erstenmal auftauchten, habe er erst im September 1952 kennengelernt, das heißt, nach erscheinen des Artikels im "Spiegel".

Hier zeigt sich wieder eine jener Schattenseiten des hessischen Verfassungsschutzes, von denen in der ZEIT schon mehrfach die Rede war. Aus verschiedenen Vernehmungen geht nämlich hervor, daß der Leiter des hessischen Verfassungsschutzes, Oberregierungsrat Schmidt, lange vor dem Spiegel" die Behauptungen Schmeißers, den er als Agenten engagiert hatte, gekannt, aber weder Blankenhorn noch der Bundesregierung zugänglich gemacht hat. Vielmehr hat er sie, wie in anderen Fällen, zunächst an den SPD-Vorstand weitergegeben. Ja, er hat das Protokoll auch dann nicht ausgeliefert, als Otto John es im Auftrag des Bundeskanzleramtes verlangte, obwohl die Zusammenarbeit der Landesämter mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz gesetzlich gewährleistet ist. Als John seinerzeit gefragt wurde, warum er nicht energisch geworden und warum er sich vor allem nicht an den hessischen Innenminister gewandt habe, antwortete er, er habe gegen seinen Kollegen Schmidt nicht "unkollegial" sein wollen.

Um den Inhalt dieses Protokolls ging es jetzt im Prozeß. Schmeißer hielt an allen seinen Behauptungen fest; seine seither genauer nachgeprüfte Vergangenheit gab allerdings seinen Bekundungen nicht viel Gewicht.

Es ist ein Leben, durch Krieg und Zusammenbruch aus den Fugen geraten. Der Vater 1946 von den Russen im Lager umgebracht. Er selber, zunächst Dolmetscher bei den Engländern, dann durch kommunistische Widerstandsfreunde zur Entnazifizierung lanciert, wurde Referent in Würzburg und in München. Weil er ein paar Autoreifen "organisiert" hatte, wurde er. dort entlassen. Er nannte sich von nun an "Dr." und "Oberregierungsrat". Er fand Arbeit bei einem Anwalt in Frankfurt. Um zu zeigen, daß er Referendar sei, ließ er sich von seinem Freunde ein falsches Zeugnis ausstellen. Schmeißer revanchierte sich, indem er Notariatspapier für ihn entwendete, und als alles aufflog, landete er schließlich beim französischen Nachrichtendienst. Das war eine große Zeit, er bekam einen französischen Namen und ein beschlagnahmtes Haus in Boppard – ein Abglanz der Macht der Besatzung fiel auch auf ihn. Generalkonsuln und Ministerialdirektoren verkehrten mit ihm. Aber er hielt es nicht lange aus. Ein paar Jahre, und es galt nichts mehr, französischer Agent zu sein. Vom Deuxième Bureau wechselte Schmeißer zum deutschen Verfassungsschutz über, von dort zum normalen Leben. Heute holt er nach, was er vor zehn Jahren hätte tun sollen. Er studiert in Erlangen.

Die Kosten frage ...

Die Leute vom "Spiegel" erklärten, der Inhalt des Artikels sei überhaupt nicht beleidigend; die in der Anklageschrift erwähnte Behauptung, daß Adenauer, Blankenhorn und Reifferscheidt "Mitarbeiter eines französischen Agentennetzes" gewesen seien, habe der "Spiegel" niemals aufgestellt. Der "Spiegel" wolle aber gegebenenfalls den Wahrheitsbeweis führen und Wahrung berechtigter Interessen geltend machen. Übrigens war die Atmosphäre des Prozesses nicht unversöhnlich. Man sah, wie sich Blankenhorn, Reifferscheidt und Augstein im Gerichtssaal die Hände schüttelten.