Ein Phänomen der modernen Zivilisation Neue Sozialordnungen formen das neue Menschenbild

Von Alexander Mitscherlich

Der bekannte Heidelberger Psychologe und Arzt Professor Dr. A. Mitscherlich äußert sich hier zu einer Frage, die viele Menschen angesichts der modernen technischen Entwicklung und der geistig-seelischen Einstellung der Kinder bewegt. Hat der Vater über die rein biologische Funktion hinaus noch eine Aufgabe und kann er sie überhaupt erfüllen?

Den Vater kann man bewundern; man kann bei ihm geborgen sein oder ihn fürchten – schließlich ihn mißachten. Neben diesem breit variablen Gefühlsbezug gibt es aber den zweiten: vom Vater kann man lernen, man kann von ihm eingeführt werden in die Praxis des Umgangs mit den Dingen oder man entbehrt ihn dabei.

Je vielfältiger sich eine Zivilisation entfaltet, desto häufiger übernehmen andere diese Lehraufgabe – bis es schließlich den Lehrer als selbständigen Beruf gibt. Der Lehrer verkörpert dabei genaugenommen einen Aspekt des fehlenden Vaters. Die Forschung über das Lernversagen (in Schule, Lehre, wie überhaupt im Anpassungsprozeß an das Leben) hat die straffe Verknüpfung der Art der emotionellen Beziehungen des Kindes zur Welt der Erwachsenen mit dem Lernprozeß gezeigt.

Nicht nur der Vater, den der Krieg getötet hat, der im Erlöschen oder Niezustandekommen der Ehe verlorengeht – nicht auf diese Unsichtbarkeit des Vaters allein kommt es an. Es ist vielmehr an ein Erlöschen des Vaterbildes zu denken, das im Wesen unserer Zivilisation selbst begründet ist, und das die unterweisende Funktion des Vaters trifft: das unbekannte Arbeitsbild des Vaters. Die hymnische Verherrlichung des Vaters – und des Vaterlandes! – schlägt nun in einen „sozialisierten Vaterhaß“ (K. Bednarik), in die „Verwerfung des Vaters“ (Geoffrey Gorer), überhaupt in Entfremdung und deren seelische Erfahrungsseite, die Angst und Aggressivität, um.

Dieser Leitgedanke kann an dem mexikanischen Film „Los Olvidados“ (Die Vergessenen) sehr anschaulich gemacht werden. In der erschreckenden Fabel, die hier aus richterlichen Dokumenten rekonstruiert wird, stehen sich zwei verlassene Jugendliche gegenüber. Der eine ist der halbwüchsige Bandenführer, erbarmungslos, asozial, ein Prototyp des gewissensunkundigen, uranfänglich verlassenen Menschen, des vital starken Täters, der am Schluß wie ein reißendes Tier durch einen Schuß zur Strecke gebracht wird. Ihm wird ein acht- oder zehnjähriger Indianerjunge entgegengestellt, der von seinem Vater in die große Stadt mitgenommen wird. An einer Straßenecke heißt ihn der Vater auf seine Rückkehr warten – aber er kehrt nicht wieder. Es ist außerordentlich eindrucksvoll, wie dieser schon durch und durch kulturgeprägte Knabe sich nun in der großen fremden Stadt behauptet, bis schließlich auch er von Gewalten, die ihm allzu fremd sind, ein erschütterndes Ende findet.