Von Michael Davie

London, Ende September

Über das Wochenende hatte die englische Öffentlichkeit Gelegenheit, sich in das Weißbuch der britischen Regierung zu vertiefen, das am Freitagabend unter dem bescheidenen Titel Miscellaneous No. 17 (1955) – Report concerning the disappearance of two former Foreign Office officials („Verschiedenes Nr. 17 (1955): Bericht betreffend das Verschwinden zweier früherer Beamter des Foreign Office“) veröffentlicht worden ist. Auch eingehendes Studium führte zu dem gleichen Eindruck, den die Presse am Freitagabend einhellig zum Ausdruck brachte: daß dies nämlich eins der ungeschicktesten und beunruhigendsten Dokumente sei, die je von einer britischen Regierung herausgegeben worden sind.

Das Weißbuch umfaßt etwa 6000 Wörter. Es besteht vorwiegend in einer amtlichen Wiederholung der Lebensläufe von MacLean und Burgess und der Vorgänge, die zu ihrem Verschwinden am 25. Mai 1951 führten. Das ist, wie sich herausstellt, die Geschichte, die die Leser bereits mit überraschender Genauigkeit aus den Zeitungen kannten. Der Rest des Dokumentes, ungefähr ein Sechstel, besteht aus einer ausführlichen Selbstrechtfertigung der Staatssicherheitsbehörden.

Wenn auch das Foreign Office sich, ohne besondere Überzeugungskraft, bemüht hat, den Zusammenhang zu bestreiten, so ist das Weißbuch doch offenkundig überhaupt nur, und gerade jetzt, veröffentlicht worden, weil Petrow soeben angefangen hat, jene Information öffentlich bekanntzumachen, die er schon der Royal Commission in Australien gegeben hatte: daß MacLean und Burgess schon seit langer Zeit Sowjetagenten gewesen sind. Das Foreign Office scheint die Absicht gehabt zu haben, mit dem Weißbuch Zweifel der Öffentlichkeit über das britische Sicherheitssystem zu beschwichtigen und das amtliche Stillschweigen in Sachen MacLean und Burgess während der letzten viereinviertel Jahre zu rechtfertigen. In diesem Punkte erwies das ehrwürdige Foreign Office sich von einer Naivität, wie sie ein Mann hat, der sich eine Papiertüte auf den Kopf setzt, um sich vor einem Zyklon zu schützen.

Denn die hauptsächliche Wirkung des Dokuments besteht nicht so sehr darin, das öffentliche Interesse an den Einzelheiten des Verrats von MacLean und Burgess zu befriedigen oder zu erklären, warum diese Feststellung solange auf sich warten ließ, sondern darin, daß es alles Beweismaterial zusammenstellt, das nötig war, um die britischen Sicherheitsbehörden grober Unfähigkeit zu überführen. Seine wichtigste Enthüllung – auf die niemand gefaßt war, zum Teil auch deswegen, weil amtliche Äußerungen solche Möglichkeiten scheinbar ausgeschlossen hatten – ist die, daß sich das Sicherheitsnetz schon zwei Jahre lang um MacLean zusammengezogen hatte und eben in dem Augenblicke sich um seinen Hals schließen sollte, als er hindurchspazierte. „Im Januar 1949“, stellt das Weißbuch fest, „erhielten die Sicherheitsbehörden einen Bericht, daß bestimmte Informationen aus dem Foreign Office vor ein paar Jahren zu den Sowjets durchgesickert seien... Anfang Mai 1951 war es soweit, daß MacLean als der Hauptverdächtigte gelten konnte ... Am 25. Mai billigte der damalige Staatssekretär des Foreign Office, Mr. Herbert Morrison, den Antrag auf Vernehmung MacLeans durch die Sicherheitsbehörden.“ Das war genau der Tag, an dem MacLean ins Ausland ging, und drei Tage, bevor irgend jemand wußte, daß er verschwunden war.

Wie war es möglich, daß MacLean, der Spionage verdächtig, nicht an der Flucht gehindert worden ist? Das Weißbuch sagt: er sei in London bewacht worden, aber nicht bei sich zu Hause, weil das Risiko, er könnte auf diese Überwachung aufmerksam werden, größer geworden wäre, wenn man sie auf einen „entlegenen Teil des Landes“ ausgedehnt hätte. Ferner erklärt das Weißbuch, die Behörden hätten drei Tage lang von MacLeans Abwesenheit nichts gemerkt, weil „das Foreign Office zwar in der Regel am Samstagvormittag normalen Dienstbetrieb hat, Beamte jedoch von Zeit zu Zeit Urlaub über das ganze Wochenende erhalten können. Gemäß dieser Gepflogenheit beantragte und erhielt MacLean die Erlaubnis, am Sonnabend, dem 26. Mai, vormittags, dem Amt fernzubleiben. Seine Abwesenheit fiel also bis zum folgenden Montagmorgen nicht auf“.