Nirgends in der vielgestaltigen deutschen Industriewirtschaft gibt es eine seit Jahrzehnten so erprobte und so erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Bergbau, Maschinenbau und Elektrotechnik wie im rheinischen Braunkohlenbergbau. Dort hat die Zusammenarbeit zu technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen geführt, deren Ergebnisse tagtäglich ein imponierendes Testfeld darstellen. Anlaß zu dieser Feststellung gibt uns der Großbau eines Schaufelradbaggers, den das Werk Lübeck der Orenstein-Koppel und Lübecker Maschinenbau AG zusammen mit der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) im Auftrag der Rheinischen AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation, Köln, erstellt hat. Nach mehrwöchiger Versuchsarbeit ist dieser größte Schaufelradbagger der Welt jetzt im Großtagebau „Fortuna“ eingesetzt und arbeitet an der Erschließung eines neuen Braunkohletagebaues, der bis zu einer offenen Tiefe von 250 m gehen wird.

20 Mill. DM kostet das Ungetüm, dessen Dienstgewicht 5600 t beträgt, dessen Länge 200 m, dessen Höhe 66 m ausmacht und zu dessen Betrieb 116 Elektromotoren nötig sind. 1,5 km lang sind die Arbeitswege, die innerhalb dieses Baggers zu begehen sind. Er schafft arbeitstäglich 100 000 Kubikmeter Erde, das sind 160 000 t, die unmittelbar vom Förderband dieses Riesen in spezialkonstruierte Großraumwagen der rheinischen Kohlenbahn gekippt und mit modernsten Elektroloks des 50-Hz-Systems abgefahren werden. Ein einziger achtachsiger Großraumwagen nimmt bis zu 180 t Erde bei einem Eigengewicht von 60 t auf. Diese Wagen entsprechen also 18 der üblichen 10-t-Wagen der Bundesbahn. Die Tagesleistung des Baggers würde ausreichen, um 55 moderne seegehende Frachtschiffe mit je 4500 t Ladefähigkeit zu beladen. Der Stromverbrauch eines Tages entspricht dabei dem einer Stadt mit 50 000 bis 60 000 Einwohnern. Und wenn dann noch festzustellen ist, daß diese Riesenapparatur nur von drei Führungsständen mit zusammen sieben Mann in vollen Betrieb gehalten und gesteuert wird, dann dürfte damit wohl das derzeitige Höchstmaß an Leistungsfähigkeit im Verhältnis Mensch zu Materie charakterisiert sein.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung der modernen 50-Hz-Elektroloks, deren Leistungsfähigkeit, wie ein Vertreter der AEG mitteilte, noch bei weitem nicht auskonstruiert, sondern noch unübersehbar entwicklungsmöglich sei. Die Rheinische AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation hat auf dem Gebiet der Bahnelektrifizierung und des Großbaggerbaus schon vor Jahrzehnten Neuland beschritten und beide mit den mitarbeitenden Firmen zu derzeitigen Weltbestleistungen entwickelt.

Einen zweiten Großbagger baut zur Zeit Krupp-Rheinhausen zusammen mit Siemens, einen dritten gleicher Maße baut wiederum Lübecker Maschinenbau zusammen mit Brown Boveri. Es geht nämlich darum, den billigen Braunkohlenstrom für die Zukunft zu erhalten, wenn möglich, zu mehren. Das rheinische Braunkohlenrevier liegt im Dreieck Brühl-Grevenbroich-Eschweiler, ist 35 km lang und 5 km breit. Von der westdeutschen Gesamtbraunkohlenförderung (75,7 Mill. t) werden 86,2 v. H. aus diesem Gebiet geholt. Von 12,6 Mrd. Kilowattstunden Braunkohlenstrom stammen 84 v. H. aus den E-Werken dieses Raumes. Unter der Oberfläche der Wiesen und Äcker, der Wälder, Städte und Flüsse liegen noch etwa 8 bis 10 Mrd. t Braunkohle. Dort, wo die neuen Großbagger arbeiten werden, hat die Braunkohle eine Mächtigkeit bis zu 70 Meter. Ein Kraftreservoir größten Umfanges bietet sich an und muß genutzt werden, um dem Energiehunger von Gegenwart und Zukunft billigen Strom in größten Mengen liefern zu können. Rlt.