Zweimal nahm Bundeswirtschaftsminister Erhard in der vergangenen Woche die Gelegenheit wahr, denen, die es angeht, in unverblümter Offenheit und mit temperamentvoller Frische seine Ansichten über das „heiße Eisen“ der jüngsten Konjunktur- und Preisentwicklung darzulegen. Er sprach in Frankfurt anläßlich der Eröffnung der imposanten Internationalen Automobilausstellung und dann auch in Berlin, wo er die nicht minder eindrucksvolle Industrieausstellung eröffnete.

In der westdeutschen Automobilindustrie ist man sich offensichtlich nicht darüber einig, ob noch weiter investiert oder zweckmäßigerweise konsolidiert werden sollte. Während der Generaldirektor der Daimler-Benz AG, Dr. Könecke, die Ansicht vertrat, daß sich die deutsche Automobilindustrie bereits in einer übersteigerten Expansionskonjunktur befinde und künftige Investitionsprojekte unter Umständen in gemeinsamen Beratungen im Sinne des Maßhaltens überprüft werden sollten, setzte Generaldirektor Prof. Nordhoff vom Volkswagenwerk dieser keinesfalls ganz unberechtigten Foiderung die nüchterne Feststellung entgegen, daß beim Volkswagenwerk die wachsende Nachfrage ganz einfach zu weiteren Investitionen zwinge. Was in diesen gegensätzlichen Auffassungen nicht zum Ausdruck kam, konnte der Besucher des Frankfurter Salons dann aber leicht selbst feststellen: eine Reihe von Kleinwagenneuentwicklungen, für die kaum Aussicht besteht, einen nennenswerten Marktanteil zu erringen. Das sind – anders kann es wirklich nicht bezeichnet werden – ausgesprochene Fehlinvestitionen. Sie sind das Gegenteil von dem, was der Bundeswirtschaftsminister der Autoindustrie empfahl: verstärkt rationalisieren.

Das von Prof. Erhard in Frankfurt in die Debatte geworfene Thema einer verstärkten Rationalisierung griff Fritz Berg, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, dann in Berlin gelegentlich der Eröffnung der Industrieausstellung auf. Auch er ist der Meinung, daß die bereits vorhandenen oder noch zu erwartenden Engpässe auf den verschiedensten Gebieten nur durch Rationalisierung und durch eine Steigerung der Produktivität überwunden werden können. Das aber ist nadi Ansicht von Berg nur über zusätzliche Investitionen möglich – eine Feststellung, über die es durchaus geteilte Meinungen gibt.

Es war klar, daß die Ausstellungseröffnung in Berlin von konjunkturpolitischen Gesprächen umrahmt sein mußte. Und so trugen dann die Ausführungen von Prof. Erhard wesentlich zur Klärung der bisherigen Diskussionen bei. Er richtete an alle den Appell, „sich vernünftig zu benehmen“: er glaube nicht, daß „die Sachen“ bei uns in Unordnung geraten seien, sondern daß die Menschen allenthalben die nüchterne Betrachtung verloren hätten. Die Politik des stabilen Geldes bezeichnete Erhard als die einzig mögliche Politik, die gleichzeitig von wirtschaftlichem Gewissen und sozialer Verantwortung zeugt. Mit seiner Aktion, ohne Zwang die Preise zu bremsen, will Erhard, wie er sagte, ein Klima schaffen, das deutlich macht, was auf dem Spiele steht, damit die einen nicht mehr fordern, als sie füglich im Rahmen der Volkswirtschaft fordern können, und damit die anderen ihren Standpunkt so vertreten, wie es der Grundlage einer gesunden Volkswirtschaft entspricht.

Hinsichtlich der möglichen wirtschaftlichen Beziehungen zur UdSSR erklärte Erhard mit Nachdruck, daß mit ihnen eine Änderung der deutschen Handelspolitik nicht zu erwarten sei. Seine Überzeugung faßte er in einem Satz zusammen: Es ist viel besser, wir trinken französischen Kognak, schottischen Whisky und schwedischen Aquavit als russischen Wodka ... ww.