Zwei neue Hörspiele von Fred von Hoerschelmann sind vielversprechend als Auftakt des Winterprogramms, das ein reichhaltiges Angebot neuer Werke enthält. Hoerschelmann, so zeigte sich wieder, gehört in die erste Reihe der Funkdramatiker, das eine seiner neuen Hörspiele „Aufgabe von Siena“ (vom Südwestfunk präsentiert) spielt während des Rückzugs der deutschen Truppen in Italien 1944, das andere, mit dem ironisch gemeinten Titel „Fröhliches Erwachen“ (von Gert Westphal im NWDR Hamburg inszeniert) in einem Atlantikclipper 1955. Aber das Grundmotiv ist in beiden Werken das gleiche. Es ist überhaupt Hoerschelmanns Grundmotiv: die herzensträge Gleichgültigkeit der meisten Menschen gegenüber ihren Nebenmenschen, und das Gegenbild dazu: die irgendwo, bei vermeintlichen Unklugen und Unpraktischen, aufleuchtende Bereitschaft zum Beistand. Der Kradfahrer, der vergeblich um Hilfe für die Bestattung eines am Wege liegenden unbekannten Gefreiten bittet und abgewiesen wird, weil jeder wegen des Befehls zur Räumung von Siena etwas „Wichtigeres“ zu tun hat, ist in seiner Sorge um die Ruhe der Toten ein Außenseiter in der materialistischen Zweckwelt des Krieges. Aber es ist ja die Tugend des Dichters, am extremen Fall das Allgemeinverbindliche aufzuzeigen. Mit größerer Fülle der Aspekte und auch mit knapperer Führung des Dialogs ist Hoerschelmann Ähnliches in dem anderen Hörspiel gelungen: Die Fluggäste des Clippers, nervös über eine unerwartete Verspätung, haben über dem Ozean die Vision eines auf einer Eisscholle treibenden Hauses, das sich in der Phantasie eines mitreisenden Reverend mit Menschen und ihren typischen Schicksalen belebt. Die einen versagen im Augenblick, wo sie helfen müßten, die anderen sind Opfer dieses Versagens, aber auch die Opfer ihrerseits versagen, wo sie helfen könnten. Es ist ein Teufelskreis, aus dem nur ein alter blinder Mann und eine halbverrückte Greisin heraustreten – rührende Ausnahmen von der Regel der Schlechtigkeit. Doch das Fürchterliche begibt sich nur in der Dimension der Einbildung. Die Fluggäste, reale Wesen, kommen zu der Erkenntnis, daß es ihnen geht wie der Maschine, in der sie sitzen: „Ich glaube, daß wir überfällig sind ...“

Wir werden sehen:

Donnerstag, 29. September, 20 Uhr:

Aus dem Berliner Schloßpark – Theater Leopold Lindtbergs Inszenierung von Jean Anouilhs Komödie „Die Schule der Väter“ mit Martin Held und Aglaja Schmid in den tragenden Rollen.

Wir werden hören:

Donnerstag, 29. September, 20.30 Uhr:

Eine frühe, humoristische Arbeit des Hörspieldichters Peter Hirche, „Das Lächeln der Ewigkeit“, in der der Haupttreffer der Lotterie unter sechs Personen auf den Mann fällt, der ihn anscheinend – am wenigsten verdient hat.