Manfred beschnitt sich, über die Brüstung des Turmes gebeugt, die Fingernägel, bedacht darauf; von den anderen nicht dabei beobachtet zu werden. Der Stüdienrat erklärte der Reisegruppe, daß sie sich auf dem einzigen erhaltenen Turm der alten Skaligerburg befänden. Die Skaliger hätten sie erbaut, um den Gardasee unter ihrer Kontrolle zu haben.

Hätte hier jemand von Manfred ein Photo gemacht, so hätte man darauf einen knapp zwanzigjährigen Jüngling gesehen, groß, schlank, knochig und schlaksig, im hellen Sporthemd und Shorts. Sein Blick war dem Fuß des Turmes zugewandt, den Felsen unten und dem blauen klaren Wasser, über das die Sonne glänzende Streifen streute.

Dann sah er sich nach dem jungen Mädchen um, das mit seinen Eltern diesen Abstecher gemacht hatte. Schon im Hotel in Garda war ihm das Mädchen aufgefallen.

„Ja, Goethe wurde hier in Malcesine verhaftet, als er auf diesem Turm saß und zeichnete. Irgend jemand hatte ihn beobachtet und angezeigt. Aber die Berufung auf die ihm bekannten, in Frankfurt lebenden Italiener und seine Empfehlungen bewirkten, daß man ihn schließlich gehen ließ.“

„Vielleicht, er wurde verhaftet nicht als Spion, sondern weil einer ist gewesen eifersüchtig, weil Goethe hat gesessen mit Mädchen aus dem Orte“, sagte ein Italiener, der sich am Hafen der Gruppe angeschlossen hatte. Er sei, hatte er dort dem Studienrat gesagt, als Soldat viel mit Deutschen zuzusammen gewesen. – „Vielleicht“ – er lächelte und zeigte oben links, wie Zahnarzt Müller bemerkte, eine Zahnlücke – „vielleicht, daß wir haben im Ort einen Nachfolger von Goethe“ (er meinte „Nachkommen“).

Der Studienrat, der 1933 seinen Doktor mit einer Dissertation über Goethes Zahnschmerzen gemacht hatte, litt bei den Worten des Italieners. Er hatte plötzlich eine Aversion gegen ihn.

Manfred beobachtete indes das junge Mädchen. Es war nicht hübsch, es war überhaupt nicht sein Typ – eines von den Mädchen, die sich nicht für Fußball interessieren.