Von Paul Hühnerfeld

Alle Jahre wieder beginnt um die Septembermitte die deutsche Buchflut zu strömen. 10 000 Neuerscheinungen waren es vor drei, 12 000 vor zwei, 15 000 vor einem Jahr. Wie viele werden es diesmal sein? Sobald die ersten Neuerscheinungen eintreffen, fangen neugierige Leser an zu suchen, ob unter dem Neuen nicht der Roman oder die Erzählung eines deutschen Autors vorliegt, der begabt genug ist, der Dichter unserer Zeit zu werden.

Nun gibt es den Dichter seiner Zeit natürlich nie (noch nicht einmal Goethe war das auf der Höhe seines Ruhmes); aber die Maxime, ihn zu suchen, entspringt einer schönen Liebe für Dichtung und einem durchaus legitimen Nationalgefühl. Dies „Suchen müssen“ ist für die Literatur eines Volkes ebenso wichtig wie der Wille eines Schriftstellers, dieser Dichter werden zu wollen. Und also wollen wir auch in diesem Jahre wieder suchen und sehen, was wir finden:

Heinz Piontek: „Vor Augen“ Proben und Versuche. (Bechtle-Verlag Eßlingen, 171 S., 5,80 DM).

Kein Wunder, daß man ein Buch des 30jährigen Oberschlesiens zuerst heraussucht. Seine beiden bereits erschienenen Gedichtbände „Die Furt“ und „Die Rauchfahne“ zeigten neben tiefem und reinem Empfinden in den einzelnen Gedichten die bei uns zu oft vernachlässigte handwerkliche Sauberkeit.

Wie schön, daß man seiner Prosa dasselbe Zeugnis ausstellen kann. Unter den kurzen Geschichten und Skizzen scheint mir gleich die erste typisch zu sein für die sparsame, spröde Art des Piontekschen Schreibens, für das man bald eine Zuneigung gewinnt, weil die Spröde nicht aus einem leeren, sondern aus einem vollen Herzen kommt: Ein Textilvertreter namens Tauber, der soeben einen guten Abschluß getätigt und mit seinem Geschäftsfreund daraufhin ein paar Gläser Gin getrunken hat, überfährt auf dem Nachhauseweg eine Frau. Er begeht Fahrerflucht, redet sich eine Zeitlang noch ein, er habe sie gar nicht überfahren. In der Garage entdeckt er Blut am Wagen. Er läuft fort, betrinkt sich. Aber er weiß: er muß nach Hause, wo seine Frau auf ihn wartet (die ihn für einen seriösen Mann und guten Gatten hält – Prädikate, die ihm eigentlich auch wohl zukommen). Zu Hause aber wird ihn Gewißheit und Gerechtigkeit erwarten. Und so kommt es: „Zwei uniformierte Männer und ein Zivilist... standen neben den Sesseln. Tauber hielt an. Er zog seinen Hut wie ein Bittsteller... Die drei Männer näherten sich ihm und zwei begannen gleichzeitig auf ihn einzureden. „Was in aller Welt soll man nur tun!“ ,sagte Tauber. – Niemand verstand ihn. Der Zivilist sagte: ‚Machen Sie es uns bitte nicht schwer, Herr Tauber!“

So leise, so ohne Aufhebens erzählt Piontek. Und so wird der Leser von diesen einfachen Skizzen ergriffen. Piontek wird freilich darauf achten müssen, daß diese Schlichtheit seines Erzählens immer echt bleibt und nie zur „Masche“ werden darf. – Sehr zwiespältig dagegen ist der Eindruck von einem anderen deutschen Autor, der deshalb auf unsere besondere Neugier rechnen kann, weil er noch ganz unbekannt ist: