Der Geschichtsroman gehört zu den umstrittenen Formen literarischen Schaffens. Verfährt der Autor in sonst erlaubter dichterischer Freiheit zu großzügig mit den historischen Fakten, dann muß er sich den Vorwurf der geschichtlichen Untreue gefallen lassen; bleibt er ihnen bis hinein in die Details verpflichtet, dann geht das in der Regel auf Kosten der künstlerischen Geschlossenheit, wie auch bei dem Roman von

Eugen Ortner Glück und Macht der Fugger, Franz Ehrenwirth Verlag, München, 392 S., 15,80 DM.

Bereits vor 15 Jahren (1939 und 1940) erschien von Ortner der Doppelroman „Glück und Macht der Fugger“. Das jetzt vorgelegte einbändige Werk ist das Ergebnis einer raffenden Überarbeitung, die, nach dem Tode des Verfassers im Jahre 1947, von Curt Hohoff mit Geschick vorgenommen wurde. Besonders die Arbeiten von Götz Freiherrn von Pölnitz („Jakob Fugger, Kaiser, Kirche und Kapital in der oberdeutschen Renaissance“ und „Fugger und Hanse“) haben das Fugger-Bild von mancherlei romantischen Übermalungen befreit, und so gibt denn dieser Roman in seiner jetzigen Form eine recht kritische Analyse der Kräfte, die im 14., 15. und 16. Jahrhundert immer mächtiger hervortreten und schließlich zur Auflösung der mittelalterlichen Existenzform führten.

Im Mittelpunkt steht die von menschlicher Tragik umwitterte Figur von Jakob Fugger, dem man den Beinamen „der Reiche“ gab. Er ist Höhe- und Kulminationspunkt dieser Gelddynastie; in ihm vollzieht sich die schicksalhafte Wende, der „Umschlag“ von dem noch dem Handwerk verbundenen Kaufmann zum internationalen Finanzmagnaten, der, getrieben von dem sich aus den Bindungen seiner Zeit emanzipierenden Erwerbssinn, zum Finanzier päpstlicher und kaiserlicher Ambitionen wird. Das Zeitalter des Frühkapitalismus beginnt. Kirche und Staat verfallen einer verhängnisvollen Kommerzialisierung, und der Florentiner Machiavell schreibt in seinem Buch über den Fürsten jene klassischen Sätze: „Wer unter allen Umständen nach dem Gesetz handeln will, der muß früher oder später zugrunde gehen unter den vielen, die wider die Moral handeln. Daher ist es notwendig, daß ein Fürst – will er sich durchsetzen – auch schlecht zu handeln wissen und im Notfall danach wolgehen muß ...“

Diese Geschichte der Fugger, die durch ihre romanhafte Verkleidung in eine angenehm lesbare Form gebracht ist, verrät eine sehr liebevolle Versenkung in den Stoff von Seiten des Autors und auch seines Bearbeiters. Sie enthält eine Fülle kultur- und wirtschaftsgeschichtlicher Einzelheiten, viel Material zur Kirchen-, Reichs- und Stadtgeschichte und zeichnet so ein breit angelegtes Panorama jener Zeit, in der die Probleme späterer Jahrhunderte bereits in vollem Ernst sichtbar werden. Alles in allem ein trotz mancher Schwächen gelungenes „Come back“ eines Werkes, das man gern wieder als „Neuerscheinung“ auf dem Büchermarkt registriert. kr.