Würden nur hervorragende Pädagogen zum Lehrerberuf, zugelassen, dann wäre es unmöglich, alle Schulkinder mit Unterricht und Erziehung zu versorgen. Die allgemeine Schulpflicht verlangt ein Kompromiß und muß auch dem durchschnittlichen (und also unzulänglichen) Lehrer sein Feld lassen. Das aber heißt: für jedes Kind kann die Schule je nachdem Segen oder Verhängnis werden.

Daß sich das heute stärker fühlbar macht als früher, hat seine Gründe: die Kinder sind nervlich viel anfälliger als es ihre Eltern waren; diese Eltern aber haben für ihre Kinder sehr viel weniger Zeit, als es ihre Eltern einst für sie hatten, und so fällt der Schule sehr viel größere Verantwortung zu, als in der vorigen Generation. Keine „Schulreform“, keine Umgruppierung des Lehrstoffes, auch keine wissenschaftlich noch so abgesicherte Lehrerausbildung vermag an der schlichten und erschreckenden Tatsache etwas zu ändern, daß eine einzige unbesonnene, unbeherrschte oder unverständige Handlung eines Lehrers ein Kind in schwer oder gar nicht heilbare Neurosen treiben kann. Vor dieser Tatsache werden nicht nur alle Organisationsprobleme hinfällig, sondern auch alle Diskussionen darüber, ob „man“ die Kinder heute überfordere oder vielmehr zu weich behandle. Denn für den hervorragenden Pädagogen, diesen seltenen Vogel, sind solche Fragen sowieso sekundär, und primär ist allein der erzieherische Kontakt.

Das aufwühlende Buch eines Mannes, der aus zugleich dienstlicher und persönlicher Erfahrung das Kritische dieser Situation klar erkannt hat, müßte hier weiterführen:

Hans Müller-Eckhard „Schule und Schülerschicksal. Eine Verteidigung des Schulkindes“. Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen. 176 S., 5,80 DM.

Dr. Müller-Eckhard, der Psychotherapeut, ist in Wuppertal auch als Erziehungsberater und Schulpsychiater tätig. Nach guter medizinischer Gepflogenheit dokumentiert er seine Überlegungen mit einer Anzahl von „Fällen“, zweiunddreißig Krankheitsgeschichten von Schulkindern, die nicht hätten ‚krank zu werden brauchen, wenn die Erzieher (oft haben auch Eltern an der Entstehung der Krankheit durch Mangel an Einsicht mitgewirkt) die Gabe gehabt hätten, sich in die Individualität dieses Kindes einzufühlen.

Da war etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – jener glänzend begabte und auch leicht erziehbare dreizehnjährige Quartaner, der plötzlich anfing, an schweren Gedächtnisstörungen zu leiden und infolgedessen seine ganze bisherige Unbefangenheit einbüßte, bis er dem Unterricht nicht mehr folgen konnte und „sitzenbleiben“ sollte. Heute besucht derselbe Junge die Obersekunda einer anderen Schule, und die Lehrer rühmen sein ungewöhnlich gutes Gedächtnis.

Was war geschehen? Der Deutschlehrer der Quarta, ein Mann der von vielen wieder herbeigewünschten „alten Schule“, hatte für das Steckenbleiben beim Aufsagen von Schillers „Ring des Polykrates“ ein gestaffeltes strafweises Abschreiben der Ballade verhängt und dadurch die Jungen in einen neurotischen Angstzustand getrieben, dem gerade der geistig Sensibelste am schwersten verfiel.