Die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel hat kein Staatstheater, sondern Städtische Bühnen. Im Großen Haus, das auf den Fundamenten des zerstörten als schmuckes Theater neu entstanden ist, begann die eben angelaufene Spielzeit mit einer Panne. Generalintendant Noller sah sich durch Krankheit genötigt, noch während der Proben zu seiner Eröffnungspremiere zurückzutreten. Kiel suchte also einen neuen Intendanten. Der Saisonbeginn ist für einen Führungswechsel kein günstiger Termin. Doch Frau Toni Jensen will weder Cliquenwirtschaft im Ensemble noch Unsicherheit über die Zukunft einreißen lassen. Der neue Mann soll deshalb schnell gewählt werden.

Das Ergebnis dürfte im wesentlichen das Werk einer Frau sein. Seit einem Jahrzehnt werden Kunstpflege und Schulwesen der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt von ein und derselben hauptamtlichen Stadträtin geleitet. Und das ist doch bemerkenswert in Deutschland. Kurz treten muß man in Kiel noch mit der bildenden Kunst. Neben Altertümern aus Wikingerzeiten ist die repräsentative Landesschau auch der modernen Kunst im Schleswiger Schloß Gottorf zusammengezogen. Kiel müßte und möchte ein Haus bauen, in dem die lebenden Maler und Bildhauer, unabhängig von kunsthistorischen Gesichtspunkten, ausstellen können. Noch ist es aber nicht so weit.

Um so mehr begünstigt die Kulturdezernentin ein gegenwartsnahes Theaterspiel. Gustav Rudolf Sellners erste Nachkriegsexperimente erregten in Kiel die Gemüter. Aber nicht einmal die Kritik, die aus konservativen Besucherkreisen an den kahlen, konstruktiven Bühnenbildern Max Fritzsches in Kiel geübt wurde, war eine amtliche Kritik. Die Stadträtin hält einen spontanen, aus Leidenschaft zur Sache entstehenden Theaterskandal für ein befruchtendes Ereignis. Denn Toni Jensen kennt aus eigener Anschauung die groß? Theaterzeit Berlins aus den zwanziger Jahren. Von 1918 bis 1933 war sie Abgeordnete des Preußischen Landtags und im Kulturausschuß tätig. Als Frau Jensen nach „tausend Jahren“ Anno 1945 wieder Verantwortung übernahm, diesmal in der Verwaltung ihrer Heimatstadt Kiel, ließ sie sich von der Einsicht leiten, daß zur Zeit der Weimarer Republik wohl manches falsch gesteuert wurde, sonst hätte die Katastrophe von 1933 nicht so passieren können. Unverändert suchte die Abgeordnet? von einst auch als Dezernentin den Kontakt mit den treibenden Kräften der Gegenwart. Ihre Haltung in der gegenwärtigen Intendantenkrise formuliert sie so: „Am liebsten, wenn ich sie nur bekommen könnte, würde ich Sellner oder Oscar Fritz Schuh als Intendanten unserer Bühnen wählen lassen.“

Frau Jensen ist keine Verwaltungsjuristin. Auch das ist bemerkenswert. Als zum Beispiel vor einigen Jahren in einer anderen Landeshauptstadt, in Düsseldorf, ein Kulturdezernent gesucht wurde, da verlangte die öffentliche Ausschreibung nach einem „Juristen als Beigeordneten“, der das Siedlungs- und Wohnungsamt und das „Amt für die übrigen Angelegenheiten (Kultur) zu verwalten habe. Man fand einen „Juristen“. Doch das Ergebnis? Nach einer in ganz Deutschland nachhallenden Reihe von kulturpolitischen Blamagen hat sich jüngst in Düsseldorf eine „Arbeitsgemeinschaft kultureller Organisationen“, das heißt die Bürgerschaft selbst, genötigt gesehen, Initiative und Verantwortung für das kulturelle Leben der Stadt zu übernehmen. Der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen sprach persönlich seine Glückwünsche zu diesem Schritt kultureller Selbsthilfe aus. In Kiel ist solch eine Entwicklung undenkbar. Unter dem schönen, weiß gewellten Haar von Toni Jensen ordnen sich die Gedanken klar, sachlich und beherrscht hinter der glatten Stirn. Am Steuer der Kieler Kulturverwaltung sitzt eine Frau, die früher sicherlich noch kämpfen mußte um das weibliche Recht, in öffentlichen Angelegenheiten mitzusprechen. Doch dreieinhalb Jahrzehnte politischer Tätigkeit hinterließen keinen Krampf, nicht einmal einen harten Zug in dem gütigen Gesicht, in der völlig entspannten Stimme.

Gleichwohl hat die „Gleichberechtigung“ nicht alle Wünsche erfüllen können, die diese Frau für die Frauen gehegt haben mochte. Die Stadträtin von Kiel ist ursprünglich Lehrerin gewesen. Als Schuldezernentin, unterstehen ihr die Höheren und die Fachschulen der Stadt, beaufsichtigt sie daneben die Kieler Volks- und Mittelschulen des Landes. Nur lächeln kann die gereifte Politikerin über Sorgen mancher Amtsleiter, die heute durch die Büroräume gehen und die weiblichen Angestellten fragen müssen, ob sie künftig als „Frau“ oder „Fräulein“ tituliert werden wollen. Dagegen empfindet es diese Frau als eine Lücke im Gesetz, wenn zum Beispiel eine Lehrerin, die ein Kind erwartet, drei Monate vor und drei bis vier Monate nach der Geburt beurlaubt werden kann, daß dann die Lehrerin aber in ihren Beruf zurückkehren muß. Tatsächlich werde die Mutter noch jahrelang ausschließlich von ihrem eigenen Kinde gebraucht. Doch die verfassungsmäßig gesicherte „Gleichberechtigung“ läßt der berufstätigen Frau nur die Möglichkeit, entweder aus dem Dienste auszuscheiden und damit wohlerworbene Rechte zu verlieren oder aber das eigene Kind während der Zeit seiner bedürftigsten Abhängigkeit von der Mutter zu vernachlässigen. Mit einem suchenden Lächeln überlegt die Stadträtin, warum es so schwer sein soll, das Recht für Frauen gesetzlich zu verankern, erst nach sechs oder sieben Jahren in den alten Beruf zurückzukehren, und zwar so, daß dann früher erworbene Rechte wieder aufleben.

Ob eine öffentliche Verwaltungsposition von einem Manne oder einer Frau wahrgenommen wird – was macht das für einen Unterschied? Beide können ihr Amt gleich gut verwalten – so meint Toni Jensen. Indessen, hört man ihr aufmerksam zu, wie sie in der Theaterfrage die Bewerber auf der langen Liste wägt, wie die Frau als Dezernentin fachliches Können und menschliche Persönlichkeit als Einheit sieht, wie sie mit weiblichem Instinkt die Argumente auf die einfachste Formel, auf eine menschliche Formel bringt, dann spürt auch der männliche Fragesteller: Mit den Augen einer sachkundigen und reifen Frau gesehen, ist die Besetzung eines künstlerischen oder eines Schulamtes plötzlich nicht mehr eine Fachfrage allein, sondern die Entscheidung für einen Menschen, der Menschen führen soll. J. J.