Köln, im September

Es ließe sich leicht an Hand von Modebildern Weltgeschichte schreiben. Aber bisher ist leider kein Historiker auf diese besinnliche Quelle verfallen. Besinnlich ist sie allerdings erst, wenn man sie nachträglich betrachtet. Denn wenn man der Schlachten gedenkt, die die Mode in immer kürzeren Intervallen mit stets neuen Geheimwaffen schlägt, so erinnert auch ihre Geschichte an die Turbulenz der Weltgeschichte. Das gilt allerdings hauptsächlich für die Damenmoden und ihren kampferprobten Generalstab an der Seine. Bei der Herrenmode liegen die Dinge anders. Ihre Schöpfer sitzen nicht in Paris, sie sind also nicht auf Revolution erpicht. Vielmehr sind noch immer Londoner Schneider tonangebend, und sie sind konservativ und weniger auf schöpferische Ideen bedacht. Eine Tatsache, die dem Beharrungsvermögen des Mannes in bezug auf Modisches durchaus gelegen kommt. Er läßt sich Zeit beim Wechsel der Linie. Volle fünf Jahre seien erforderlich, eine Änderung zu erkennen, so bekannten freimütig die Veranstalter der Herrenmode-Woche 1955, die kürzlich in Köln stattfand.

Dann jedoch folgten alarmierende Nachrichten: Im letzten Jahre habe die erste Herrenmode-Woche stattgefunden und mit ganz neuen Impulsen aufgewartet. Die Männerwelt muß eine Art Renaissance erlebt haben; denn die Umsätze in der Herren-Oberbekleidung soll von Stund an die der Damen-Oberbekleidung überflügelt haben. So beschloß man, das spröde Thema der Herrenmode dem Mann von Heute in aufgelockerter Form anziehend vorzutragen.

Das geschah in Köln im Rahmen einer Revue. Der Name stimmt nicht ganz. Sketch wäre passender gewesen. Mit Tanz und Gesang wurde dargeboten, was der modisch Beflissene zu tragen hat. Man verfuhr geschickt: nicht Idealgestalten bevölkerten die Bühne, keine betörenden Männer-Mannequins mit Traumgestalten, sondern Männer, wie sie überall auftreten, größere, kleinere, charmante, und nicht ganz so fesche, schlanke Erscheinungen und solche mit ein wenig Embonpoint.

Von einem „demokratischen Anzugbewußtsein sprachen die Veranstalter, von einer Abkehr der Uniform, die ein Massenbild biete. Man sei salopp geworden, auf eine diskrete und zurückhaltende Art, so verkündeten jene, die es von Amt und Beruf her wissen müssen.

Ein Zurück-zur-Natur-Bestreben ist unverkennbar. Der Anstoß kommt aus Amerika und nennt sich „natural look“, die natürliche Linie. Alles, wohin es gehört: die Taille an den dafür bestimmten Platz und dezent betont, falls sie vorhanden ist. Wohlbeleibte überspielen sie gekonnt. Die Schultern werden nicht mehr stark ausgestopft oder gar martialisch verbreitert. Die Hosenbeine verjüngen sich, der schlanken Linie zuliebe, auf 48 oder bei ganz Eifrigen auf 46 Zentimeter, sie entbehren des Umschlages, was als noch verjüngender gilt.

Der Natur-Linie entspricht auch die Bereitwilligkeit, der Campingmode einen breiten Platz zu gönnen. Da flattert die Hemdjacke in satten Farben, wie Blau, Weiß, Orange, sie ist flanellen oder aus Popeline, mit locker fallenden gestrickten Einsätzen, in abgestimmter oder abweichender Farbe. Ein großer Schlager ist der Paralleles, eine Art Strickjacke mit fledermausartigem Ärmelschnitt, in vielen Farben und Mustern. Die Hosen sollen bei soviel Farbaufwand möglichst schwarz sein. Zu der Mütze, die die Zwanglosigkeit unterstreicht, trägt der elegante Campingreisende möglichst eine Shagpfeife, die seinem Gesamtbild ein mutwillig-kühnes Gepräge verleiht, namentlich im Profil.