München, im September

Auch eine banale Fragestellung kann zu Überlegungen führen, an deren Ende die tiefsten Geheimnisse des religiösen Lebens stehen. So hatte die Frage, ob der Mensch nach der Mahlzeit ein anderer sei als vor der Mahlzeit, und auf welche Weise sich Mensch und Materie bei der Nahrungsaufnahme veränderten, dem Leiter der Tutzinger Evangelischen Akademie, die erste Anregung zu dem seriösen Motto „Metaphysik des Essens“ gegeben. Daraus erwuchs dann ein so gewichtiges philosophisch-theologisches Thema wie „Die Incorporation der Welt“, über das zwei Tage lang heiß gestritten wurde. „Incorporation“ aber, ein schon halb verschollener Ausdruck aus dem Vokabular der Gnostiker, bedeutet nichts anderes als die Einverleibung des Stofflichen, hier: der Speise und des Trankes, in den Menschen. Man ging in Tutzing den Gegenstand gleich von drei Seiten an: physiologisch, philosophisch und, versteht sich, theologisch.

Statt des Vortrags über „Systeme moderner Ernährungsreform“, den ein Spezialarzt halten sollte, wurde zunächst wegen Erkrankung des vorgesehenen Redners über „Die Problematik des Lebendigen und des Natürlichen in unserer Ernährung“ gesprochen. Aber vielleicht war dies ein besserer Ausgangspunkt für die Behandlung des Generalthemas als eine noch so kritische Übersicht über die modernen, um nicht zu sagen: modischen Ernährungsmethoden, ob sie nun „weltanschaulich“ begründet sind oder nur dem Schlankheitsprinzip à la Hollywood dienen. Kurzfristig war nämlich einer der bedeutendsten einschlägigen deutschen Forscher, Professor Dr. Hans Diedrich Cremer, Leiter des Physiologisch-Chemischen Instituts der Universität Mainz, eingesprungen. Man hörte von ihm – und das eben enttäuschte offensichtlich manche – nichts über Wert und Unwert der Ernährung nach Gaylord Hauser, Waerland und den übrigen „Reformern“, dafür aber nüchterne Warnungen vor jedem Diätschema, vor der unkritischen Hinnahme des Begriffes „natürlich“, der grundlosen Animosität gegen alle Konserven und der Diffamierung bestimmter Nahrungsmittel. „Das ist noch lange nicht natürlich“, meinte Professor Cremer, „was von selbst wächst“, und nur, wenn die Nähr- und Wirkstoffe in der richtigen, klimatisch bedingten Dosierung und Mischung zu einer optimalen Ausnutzung durch den menschlichen Körper gebracht würden, sei von bekömmlicher Ernährung die Rede. „Laßt das Natürliche in der Zubereitung so natürlich wie möglich“, lautete der undogmatische Ratschlag.

Dann also ging es in die Metaphysik, und da lieferte der Philosoph Professor Dr. Joseph Bernhart den anspruchsvollsten Beitrag, leider in einem „scholastischen Jägerlatein“, wie sich der greise Gelehrte selbst persiflierte, dem zu folgen nur wenigen Zuhörern vergönnt war. Daß der Mensch auf Nahrung angewiesen ist, sei nur der elementarste Beweis für seine Bedürftigkeit, folgerte der Redner am Ende seines umfassenden philosophiegeschichtlichen Exkurses über das Leib-Seele-Problem, die ewige Spannung zwischen Geist und Materie. Des Menschen Erlösung sei es, zur Speise Gottes zu werden, analog dem orphischen Mythos von dem ordnenden Zeus, der das Herz des chaotischen Dionysos verzehrte: uraltes Symbol für die Kommunikation zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Auch der Kannibalismus ist ja keine bloße „Menschenfresserei“, sondern basiert auf dem Wunsch, sich die Stärke des getöteten Gegners zuzuführen. Wie immer: süßes Mandelgebäck zu kosten, war noch im Sterben des heiligen Franz von Assisi herzliches Begehren!

In der Diskussion über diese schwierigen Dinge entzündeten sich die Gemüter vor allem an der Frage, ob wir als Christen berechtigt seien, zu töten, um unser Leben zu fristen, und damit stand wieder das alte ethisch-religiöse Entweder-Oder zwischen fleischlicher und vegetarischer Nahrung zur Debatte. Ein Theologe zerhieb schließlich den gordischen Knoten: Professor D. Dr. Wilhelm Staehlin, ehemals evangelischer Bischof von Oldenburg, konnte die Überängstlichen beruhigen. Zwar sei im Garten Eden pflanzliche Ernährung obligatorisch gewesen, doch habe Gott nach dem Sündenfall und der Sintflut resigniert und dem Menschen das Tier zur Speise freigegeben.

Das mögen theologische Spitzfindigkeiten sein, Hintertürchen zum verlorenen Paradies. Aber Staehlin fuhr fort: „Man kann kein echtes Verhältnis zu Gott haben, ohne ein enges Verhältnis zur Schöpfung.“ In seinem Referat „Das tägliche Brot und das Heilige Mahl machte der so gelehrte wie vitale Bischof darauf aufmerksam, daß es sprachlich weder im Hebräischen noch im Griechischen einen Unterschied zwischen „Leib“ und „Seele“ gegeben habe, und daß sogar das Abendmahl Christi, entgegen allen vergeistigenden Deutungen, nichts anderes als ein festliches Mahl gewesen sei, hier freilich mit dem feierlich-ernsten Grundton des Abschiedes und Vermächtnisses. Den Ausdruck „Sakrament“ übrigens, für den es in der Bibel keinen Beleg gebe und der von Tertullian in die Kirchensprache eingeführt sei, bezeichnete Professor Staehlin als eine wenig glückliche Abwandlung des originalen „Mysteriums“.

Jedenfalls lebt der Mensch bekanntlich nicht vom Brot allein. Auch das Atmen, das Sehen, das Hören, Schmecken und Riechen sind Formen der Kommunikation zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen. Mag heute das ehrwürdige Tischgebet auch im Aussterben begriffen sein und mancher moderne Mensch im Hinunterschlingen der Mahlzeit sich nur wenig vom Tier unterscheiden: noch deuten Tafelschmuck und Trinksprüche auf den kultischen Ursprung der gemeinsamen Speisung hin. Noch wird zwischen „Essen“ und „Fressen“ unterschieden, noch gibt es hie und da Tischgespräche wie zu Luthers und Goethes Zeiten, noch führen wir uns einen guten Happen „zu Gemüte“ und sagen einander „Wohl bekommt, wobei wir nicht nur an die Verdauung denken. Aber wie lange noch? Es mag uns trösten, daß im Nürnberger Adreßbuch von 1903 (laut Bischof Staehlin, der dort als Pfarrer amtiert hat) nicht weniger als 37 „Freßvereine“ namentlich eingetragen waren, und daß seitdem die Kultur des Essens, von der Metaphysik zu schweigen, eigentlich keine weiteren Rückschläge erlitten hat.

Heinz Rode