Inge ist acht Jahre alt. In einer kleinen Stadt mit einem alten Dom und hohen Stadtmauern geht sie seit zwei Jahren in die Schule. Sie spricht den Dialekt des Landes, das Oberhessische, die Mutter arbeitet irgendwo in der Stadt, aber der Vater ist nicht da. Sie kennt ihn nicht. Er ist in Amerika, sagt die Mutter. Amerika ist weit. Sie habe geschrieben, aber die Adresse stimmte nicht, die Jim auf einen Zettel geschrieben hatte, als die Einheit vor sieben Jahren aus der Stadt abrückte. Der Brief kam zurück. In Amerika gibt es keine polizeiliche Meldepflicht, belehrte der Nachbar, der drüben in Gefangenschaft war. Da können Sie lange suchen, meinte er leise triumphierend (warum läßt sie sich mit einem Ami ein, während wir hinter Stacheldraht sitzen). Aber die Mutter gibt nicht auf. Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf. Besatzungskind – da ist nichts zu machen. Dann kam die Souveränität. Und nun liegt die Sache anders. Der Rechtsweg ist offen, ein Weg für 350 000 Kinder in der Bundesrepublik. Einige kennen ihre Väter. Sie schicken hin und wieder oder regelmäßig etwas für das Kind. Aber die Spuren der meisten sind verwischt, und von den Dienststellen der Besatzungstruppe ist nichts zu erfahren.

Die Kinder sind nicht alle 1947 geboren wie Inge. Einige kamen später, einige früher auf die Welt, das Durchschnittsalter ist fünf Jahre. Wenn man hiervon ausgeht und den monatlichen Mindestsatz von 50,– DM für den Unterhalt zugrunde legt, dann ergibt sich als Gesamtsumme eine Milliarde und fünfzig Millionen Mark für einen unerfüllten Rechtsanspruch. Um es genau zu sagen: es wurde gezahlt. Aber vom Staat, also vom deutschen Steuerzahler. Und so ist Inge kein Einzelfall, sondern ein Musterbeispiel. Und deshalb interessiert sich der Fiskus so ungewöhnlich lebhaft dafür.

Schade, eigentlich möchte Inge lieber ihren Vater sehen. Der Anwalt forscht weiter. Der Mann selbst interessiert ihn nicht, nur die Adresse. Und auch die kleine Inge ist nicht viel mehr als ein Aktenzeichen. Den Anwalt bewegt die Milliarde, die der Staat stellvertretend gezahlt hat. Gezahlt für eine biologische Erbschaft des Krieges. J. P.