J. B., Paris, im September

Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Kabinettsmitgliedern hat die französische Regierung zum Nachfolger des nach Marokko entsandten Generals Latour, der als letzter in Tunis den Titel eines Generalresidenten führte, dessen nächsten Mitarbeiter, den Gesandten (ministre delegué) Roger Seydoux-Fornier de Clousonne zum Hochkommissar in Tunis ernannt.

Der neue Vertreter der Vierten Republik ist ein Sohn von Jacques Seydoux, der nach dem ersten Weltkrieg unter Poincaré und Briand als Direktor der politischen Abteilung des Quai d’Orsay eine ausschlaggebende Rolle spielte. Sein älterer Bruder, François Seydoux, ist seit kurzem Botschafter in Wien. Die Seydoux de Clousonne sind eine ihres Protestantismus sehr bewußte alte Familie der Cevennen, die stolz ist, die Hugenottenverfolgungen in Frankreich überlebt zu haben. Durch seine Heirat mit einer Nichte von Jean Schlumberger ist Roger Seydoux mit einer anderen der großen protestantischen Familien verknüpft.

Der erst siebenundvierzigjährige neue Hochkommissar hat nach glänzenden Finanz- und Rechtsstudien 1932 seine Laufbahn an der Londoner Botschaft begonnen. Von 1934 bis 1936 hat er im Kabinett des Generalresidenten Ponsot eine Stellung in Marokko bekleidet. Dann wurde er als Nachfolger seines Bruders René Seydoux Generalsekretär der Hochschule für Politik, der berühmten Ecole des Sciences Politiques. 1939 verdiente er sich als Reserveleutnant bei den Alpenjägern an der Warndtfront das Kriegskreuz. 1945 wurde er zum erstenmal als Vertreter Frankreichs in diplomatischer Mission zu den Konferenzen in St. Franzisko und Montreux geschickt. 1950 war er Generalkonsul in New York und zwei Jahre später Gesandter an derBotschaft in Washington. Im September 1954 erfolgte seine Ernennung als ministre-delegue in Tunis, wo er sich bei den durch die harte Opposition der französischen Kolonisten erschwerten Verhandlungen, die dem französischtunesischen Abkommen vorausgingen, durch seine nüchterne Einschätzung der wirklichen Lage ungewöhnlich auszeichnete.

Seine Aufgabe wird schwer sein. Die beiden tunesischen Nationalistenführer Habib Bourguiba und Salah Ben Youssef sind aus der Verbannung nach Tunis zurückgekehrt. Niemand weiß, ob sie verantwortlich an der neu zu bildenden Regierung teilnehmen oder ob sie die Durchführung des französisch-tunesischen Abkommens stören werden, was den Unbelehrbaren unter den europäischen Kolonisten nur willkommen wäre. Finanzen, Schulen, Gendarmerie und autochtoner Beamtennachwuchs sind die ersten Punkte des Programms, das die Überleitung von der bevormundenden Protektoratspraxis zur internen tunesischen Selbständigkeit verwirklichen soll. Der französische Hochkommissar hat zu überwachen, daß dies im Rahmen des Abkommens geschehe; keine leichte Rolle bei dem auf beiden Seiten durch Aufstände und Repressionen angestauten Mißtrauen.

Bei den dem Abkommen vorangegangenen Verhandlungen hat sich der neue Hochkommissar in der Verteidigung, aber auch in der Verwerfung der Interessen der Kolonisten so objektiv gezeigt, daß man in beiden Lagern seine sachlichen Argumentationen fürchten lernte. – Es steht zu hoffen, daß es ihm gelingt, die angebahnte Regelung des Verhältnisses zwischen Frankreich und Tunesien zum glücklichen Ende zu führen – im Interesse ganz Europas.