In den sieben Tagen, vom 13. bis zum 20. September 1955, in denen die Moskauer Verhandlungen zunächst mit Bonn und dann mit Pankow beendet wurden, hat sich die Lage von Grund auf verändert.

Zwei Dinge sind geschehen. Wir haben beschlossen, einen Botschafter nach Moskau zu schicken, der – anders als alle seine Bonner Kollegen – nicht mit dem Anspruch auftritt, ganz Deutschland zu vertreten, sondern sich damit abfindet muß, daß es am gleichen Platz neben ihm einen zweiten Botschafter gibt, der auch ein Stück Deutschland vertritt. Und zweitens hat die Sowjetunion der sogenannten DDR mit der Souveränität auch das Recht verliehen, den Verkehr zwischen der Zone und Westberlin zu kontrollieren. Da die Sowjetunion gleichzeitig Westberlin als Teil der Bundesrepublik anerkannt hat, bedeutet dies, daß Pankow jetzt einen Hebel in der Hand hat, mit dem es hofft, die Bundesrepublik an den Verhandlungstisch zwingen zu können. Die Politik Moskaus ist von eherner Konsequenz: Genauso eisern wie die Sowjets um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Bonn gekämpft haben, werden sie von nun an um die Anerkennung ihrer „DDR“ durch Bonn kämpfen. „An uns ist nichts von Hamlet“, hat Trotzki einmal gesagt. In der Tat, die Sowjets sind nicht angekränkelt von des Gedankens Blässe; sie kennen kein Zaudern und kein Zweifeln; sie sehen nur auf das Ziel: den Sieg der marxistischen Heilsbotschaft. Soviel steht jedenfalls fest: Die Kunst des Improvisieren hilft wenig gegenüber einen totalitären Regime. Man muß nur wissen, was man will. Wir müssen uns also jetzt über die veitere Marschroute klarwerden.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Man könnte glauben, es werde auf die Dauer nicht möglich sein, dem Teufel in Pankow die Hand zu versagen, die man dem Beelzebub in Moskau reichen mußte, und darum müsse man dem Unausweichlichen ins Auge sehen, ja, vielleicht sogar aktiv und offensiv aus eigener Initiative nach vorn gehen. Dann muß man sich aber klar darüber sein, daß eine Anerkennung der „DDR“, also eine Konsolidierung des russischen Imperiums im Westen, die politische Konstellation Europas grundlegend verändern würde. Nachdem Österreich neutral geworden und der Balkanpakt schwer angeschlagen ist, würde dieses Ereignis einem politischen Erdrutsch gleichkommen, in dessen Verlauf Amerika sich fragen müßte, ob es überhaupt noch lohnt, in Europa Kapital zu investieren und Truppen zu unterhalten. Die Anerkennung der „DDR“ als selbständiger Staat würde nämlich nicht einfach den heutigen Zustand verewigen, was schlimm genug wäre; die Anerkennung würde vielmehr eine vollkommen neue Situation schaffen. Der Eiserne Vorhang liefe nicht mehr durch Deutschland, sondern es gäbe rechts und links vom Eisernen Vorhang zwei verschiedene Deutschlands. Das östliche aber würde nicht mehr auf Befreiung und Wiedervereinigung warten, sondern es würde sich wohl oder übel zu einem kommunistischen Staat par excellence entwickeln.

Die zweite Möglichkeit aber ist, fest auf dem Standpunkt zu stehen, daß die Anerkennung der „DDR“ unter allen Umständen vermieden werden muß. Allerdings soll man sich dann auch darüber klar sein, daß dieser Grundsatz mit eherner Konsequenz verfolgt werden muß; sonst endet die Unterhaltung, die heute zwischen zwei Bezirksbürgermeistern beginnt, morgen zwangsläufig zwischen Grotewohl und Adenauer. Steht man auf diesem Standpunkt, dann muß man vor allem eins tun: die Alliierten veranlassen, noch einmal und in aller Deutlichkeit zu sagen, daß sie die Verantwortung für das Schicksal Berlins übernommen haben und daß die „Genfer Atmosphäre“ sie nicht hindern dürfte, noch einmal eine Luftbrücke über die „DDR“ zu spannen, wenn dies eines Tages notwendig werden sollte. Dff