Nachdem nunmehr der „Große Preis von Frankreich“,der Anfang Oktober als letzter Lauf der Weltmeisterschaft (ursprünglich war er im Terminkalender als vorletzter Lauf vor Monza verzeichnet) abgesagt worden ist, bedeutete der „Große Preis von Italien“ der Abschied der Daimler-Benz-Werke vom Grand-Prix-Sport. 1956 also wird man die Mercedes-Silberpfeile nicht mehr in Formel-Rennen sehen.

Ob Mercedes sich in diesem Jahr noch einen Weltmeistertitel für Sportwagen verdienen kann, wird sich am 16. Okt. bei der „Targa Florio“ in Sizilien entscheiden. Bei diesem Rennen ist der Titel des Weltmeisters der Konstrukteure zu gewinnen. Bisher führt Ferrari mit drei Punkten vor Mercedes und Jaguar.

Ware das Rennen in Reims noch zum Äustrag gekommen, dann hätte sich vielleicht der Kreis, der Triumphe des Mercedes-Sterns geschlossen, denn in dieser Stadt begann im Vorjahre (am gleichen Tage, da wir in Bern die Fußball-Weltmeisterschaft gewannen) sein Siegeszug. Fast alle wichtigen Rennsiege der letzten beiden Jahre brachte Mercedes-Benz nach Hause. Eine Panne gab es nur in Barcelona, eine Enttäuschung in Silverstone und in Monte Carlo, aber die großen Preise von Europa, Italien, der Schweiz gewann Mercedes. Der Fahrer Fangio wurde zweimal auf Mercedes-Benz Weltmeister. Dennoch hat man sich entschlossen, nicht mehr mitzumachen. Was hat nun das Werk in Untertürkheim veranlaßt, nach einer zweijährigen außerordentlich erfolgreichen Betätigung dennoch Rennsport aufzugeben? Die für den Grand-Prix-Sport gültige. Formel schrieb einen Motor bis zu 2500 ccm Hubraum beziehungsweise einen 750-ccm-Kompressormotor vor. Die Daimler-Benz-Leute behaupten nun, daß aus dieser Formel alles herausgeholt worden ist, was herauszuholen war. Ob allerdings mit dieser sogenannten Formel I, abgesehen von Mercedes-Benz, bei allen in Frage kommenden Fabriken ein wirklicher Aufschwung erzielt worden ist, dürfte immerhin fraglich sein. Die vor etwa drei Jahren erfolgten Voraussagen, daß sich wohl kaum eine Fabrik entschließen würde, einen Kompressormotor mit 750 ccm Zylinderinhalt zu bauen, weil man nämlich mit einem 2,5-Liter-Motor ohne Aufladung leicht dieselbe PS-Zahl erreicht wie bei einem 750er mit Kompressor, hat sich bestätigt. Wir haben bislang keinen Wagen mit einem 750-ccm-Kompressormotor gesehen. Keine Fabrik hat die immensen technischen Schwierigkeiten, ihn zu bauen, in Kauf genommen, obwohl man nicht bestreiten kann, daß aus der Kompressorformel schon mancher gewichtige Vorteil zu ziehen gewesen wäre.

Weiter sagt man in Untertürkheim (und hier kommt man den Argumenten, die kürzlich der Chef des Volkswagenwerkes Heinz Nordhoff äußerte, nahe), daß die Rennformel zu weit vom normalen Serienfahrzeug abweicht und man „nicht immer neu schöpfen kann, wenn man Rennerfahrungen auf den Bau des normalen Fahrzeuges übertragen will“. Man ist der durchaus richtigen Ansicht, daß der Rennsportwagen der Serie viel näher kommt als der reine Rennwagen, und man will nun die gewonnenen technischen Erkenntnisse bei der Serienkonstruktion verwerten. Ein zweifellos löbliches Vorhaben. Vielleicht mag aber auch die Finanzierungsfrage des ganzen Rennbetriebes eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Alfred Neubauer, der Rennleiter der Mercedes-Werke, kündigte unlängst bei einem Rundgespräch im Automobil-Club von Deutschland an, daß sie an sechs bis acht Sportwagenrennen teilnehmen werden, unter anderem bei den tausend Kilometern von Buenos Aires und den „Zwölf Stunden“ von Sebring. Mit seinem 300-SLR-Sportwagen wird Mercedes-Benz also auch im nächsten Jahr beim Automobil-Rennsport dabei sein. W. F. K.