d. d., Wiesbeden

Mehr als 1500 Physiker aus aller Welt kamen in diesen Tagen nach Wiesbaden zur Jahrestagung des Verbandes deutscher Physikalischer Gesellschaften, der die Tradition der friheren Deutschen Physikalischen Gesellschaft forführt. Professor Otto Hahn nahm an der ersten Sitzung teil, die Professoren Werner Heisenberg und Max von Laue eröffneten die Tagung mit repräsentativen Vorträgen. In einer am vergangenen Sonntag einstimmig angenommenen Entschließung machten sich die deutschen Physiker jene von Bertrani Rüssel und neun anderen führenden Naturwissenschaftlern unterzeichnete und von achtzehn Nobel-Preisträgern auf der Bodenseeinsel Mainau bekräftigte Resolution zu eigen, in der es heißt:

„Aller kriegerischer Einsatz der heute möglichen Waffen kann die Erde so sehr radioaktiv verseuchen, daß ganzeVölker vernichtet w’irden. In äußerster Gefahr wird keine Nation sich den Gebrauch irgendwelcher Waffen versagen, welche die wissenschaftliche Technik erzeugen kann.

Daher müssen alle Nationen zu der Entscheidung kommen, freiwillig auf die Gewalt als letztes Mittel der Politik zu verzichten. Sind sie dazu nicht bereit, so werden sie aufhören zu existieren.“

Andererseits warnte Professor Dr. Karl Wolf, der letztjährige Vorsitzende des Verbande;, vor der sich anbahnenden „Atomhysterie“. Es dürfe nicht gleichzeitig mit den ersten deutschen Atommeilern eine staatliche Sicherheitsbürokratie aufgezogen werden, die neben Wirtschaft und Wissenschaft ein überflüssiges und schädliches Eigenleben entwickeln könnte. Der Staat brauche freilich in dieser kommenden Phase wissenschaftliche Berater – aber berufene Berater, und nicht Außenseiter, wie sie in anderen europäischen Ländern zuweilen aufgetreten seien. Wolf deutete an, daß die deutschen Physikalischen Gesellschaften damit rechnen, zu einer solchen beratenden Tätigkeit herangezogen zu werden.

Ob es den künftigen Mitgliedern eines itomwissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung gelingen wird, sich mit den Beamten und Parlamentariern in einer für beide Seiten verständlichen Sprache zu unterhalten, muß nach den Erfahrungen des Wiesbadener Kongresses bezweifelt werden. Selbst von den angeblich populär gehaltenen Vorträgen des Professors Heisenberg und des bei dieser Gelegenheit mit der Max-Planck-Medaille ausgezeichneten Professors H. A. Bethe (Ithaca, USA) waren für den durchschnittlich (mit Abitur) gebildeten Laien nur noch die Bindeworte „und“ und „aber“ verständlich. Man konnte immerhin ahnen, daß die beiden Referenten das Geständnis ablegten, alle bisherige Atomphysik sei mathematisch unbefriedigend, sei vorläufig und werde der Atomenergiepraxis nicht gerecht. Heisenberg hofft, daß man sich die Experimente, die man im Kriege zum Unsegen der Menschheit und heute in gewissem Umfange auch zu ihrem Segen durchführte, eines schönen Tages auch einmal wissenschaftlich werde erklären können.

Andererseits klingt es für den Laien schon recht erfreulich, daß Professor Bethe die Vorgänge im Atom in Formeln festhalten kann, die bei bestimmten Versuchen bis zu 500 Millionen Volt der Praxis standhalten. Bethe stellte dies zwar mit Bedauern fest, doch wer von uns legt eigentlich Wert auf die Anwendung von Strömen über 500Millionen Volt? Wieviel kostet das, wie dick müssen die Kabel sein, kann man mit einem solchen Strom vielleicht bei Neumond den Mond sichtbar machen? Auf solche kindlichen Fragen wissen die Physiker natürlich keine Antwort, Professor Dunworth, der über das britische Atomzentrum Harwell berichtete, sagte, daß die Elektrizitätswerksdirektoren als Verkäufer „konventioneller“ Energie sehr zufrieden seien mit ihrer neuen atomaren Kundschaft, die so viel Strom verbraucht, um ein klein wenig Atomenergie herzustellen. Das war wohl übertrieben. Aber wer sagt uns armen Laien, wo bei den Atomen die Übertreibung anfängt und wo sie aufhört?