Von Sabina Lietzmann

Berlin, Ende September ir sind eine siebenköpfige Familie, bei uns gibt’s nur sonntags Fleisch, zu mehr reicht’s acht. Aber wenn das so weiter geht mit den Fleischpreisen, dann werden meine Kinder demnächst Bouletten nur noch vom Hörensagen kennen.“ Der junge Mann vor der Schiefertafel am Katheder legt eine kleine Pause ein, und die Versammelten nicken beifällig. Rund fünfzig Personen, die sich in die Schulbänke des grell erleuchteten Klassenzimmers gezwängt haben, Männer und Frauen aus der Nachbarschaft, keiner unter fünfzig, die meisten weit über die sechzig hinaus. Außerdem Redner ist kein Junger dabei, und in der Hauptsache sind es Frauen, Hausfrauen mit stämmigen Armen und straffen Frisuren, die Strickjacken resolut mit bunten Tüchern verziert – Frauen, durch deren Hände dreiviertel des Volkseinkommens gehen, wie die Dame vom Hausfrauenverband soeben erklärt hat.

Inzwischen hat der Redner am Katheder neu angesetzt. „Wir sind ja alle immer noch Normalverbraucher“, ruft er aus. „Was nützt es uns Kleinverdienern, wenn die Löhne erhöht werden? Haben unsere Rentner und die Sozialunterstützten was davon? Die deutschen Menschen sind ja so stur geworden. Aber wir Berliner, wir sind doch helle, und ich sage Ihnen, wir müssen immer weiter trommeln, und wenn die Behörde dann immer noch nicht hört, dann hat’s gebumst!“

Jetzt klatscht die Versammlung, der junge Mann, das Reden sichtlich nicht gewohnt, kehrt erschöpft auf seinen Platz zurück, einer ruft: „Darum sind wir ja hier!“ Denn man ist zusammengekommen, um über den „Bums“ zu beraten. Die Abgesandte des „Verbandes Berliner Hausfrauen“ hat der „Nachbarschaft“ erklärt, was beabsichtigt ist: um eine Senkung der Fleisch- und Wurstpreise zu erreichen, sollen die Hausfrauen zur Selbsthilfe greifen und drei Tage lang kein Fleisch kaufen. Ein regelrechter Käuferstreik ist geplant, zu dem die englischen Hausfrauen das Vorbild geben. Die nämlich erreichten in sechswöchigem Streik eine Senkung der Fleischpreise um elf Prozent.

Die Idee zum Streik stammt von Charlotte Riese, der Vorsitzenden des Berliner Hausfrauenverbandes. Vor zwei Wochen in einer Lichterfelder Nachbarschaftsversammlung hat sie zum erstenmal davon gesprochen, und seither ist dieser Aufruf zur militanten Selbsthilfe bei den Berliner Hausfrauen sehr populär geworden. Natürlich dürfen, so heißt es immer wieder, die wohlgestellten Frauen den anderen nicht in den Rücken fallen. Schließlich wird ja niemand verhungern, wenn er mal acht Tage lang kein Fleisch ist, meint Frau Riese.

Der Streik richtet sich nicht gegen die Fleischer, erfährt die Dame vom Verband, im Gegenteil: Obermeister der Fleischerinnung will den Streik „mit allen Mitteln unterstützen“. Nun erhebt sich schwerfällig ein älterer Mann; er sei selbst Fleischermeister, sagt er. „Meine Stammkundinnen hier kennen mich ja“, und er würde gleich aus Solidarität seinen Laden schließen, denn von niedrigeren Preisen könne er ja nur gewinnen. Mit offenen Mündern lauschen die Frauen, als er aufzählt, was zum Beispiel für Rindfleisch aus Dänemark (und fast alles Rindfleisch für Berlin kommt aus Dänemark) für Gebühren zu entrichten sind, bevor es in den Großhandel kommt: Seefracht, Landfracht, Zoll, Quarantäne, Untersuchung, Schlachtgebühr, Schlachtprovisior, Verladekosten, Ausgleichsabgabe, Einkaufs- und Vorratsstelle, Außenhandelsstelle, Bankgebühren, Autobahngebühren – dreizehn Posten also, die genau ein Viertel des reinen Fleischpreises ausmachen. Da sind die Frauen starr vor Staunen. Sie murmeln beeindruckt, aber das Reden überlassen sie doch lieber den Männern.

„Man muß endlich abkommen von der Kauflust um jeden Preis“, ruft einer. „Die Hausfrauen müssen ihre wirtschaftliche Macht ausnutzen“, ein anderer. Ein smarter Herr im grauen Zwe.reiher erhebt sich, ein jovialer Demagoge, der mit Außenhandelsbilanzen, dänischem Rindfleisch, japanischen Fahrrädern, der französischen Poujade-Bewegung hantiert und gleich noch beißend Ironisches über die Bonner Tagegelder und Reisespesen einfließen läßt. Aber die Hausfrauen lassen sich nicht verwirren. Endlich erhebt sich eine zögernd, rafft die Handtasche entschlossen in sich und erklärt: „Wir wollen hier ja nicht gegen Bonn kämpfen, sondern um die Wurst.“ Alles lacht, Zurufe: „Klar, jetzt geht’s um die Wurst“, und die Dame vom Verband steht noch einmal auf und redet über die Preispolitik Erhards, die man durchaus billige, gewiß, aber das mit den Jedermann-Einfuhren ... „das kommt für uns Hausfrauen weniger in Frage, denn wir wollen ja sehen, was wir kaufen.“ Und vorläufig sehen sie eben nur die hohen Preise und daß die Hausfrauen sich selbst regen müssen, wenn das anders werden soll.

Der Vorsitzende der Nachbarschaftsversammlung tritt ans Pult. „Fragen wir also: Hit ein Warnstreik einen Sinn?“ Alle rufen: „Ja!’ Am 29. September soll’s losgehen und drei Tage dauern, und wenn dann noch nichts geschieht, soll weitergestreikt werden bis zum 7. Oktober. Sämtliche Berliner Frauenvereine, auch der Verband der Rentner und Kriegshinterbliebenen, haben sich inzwischen mit dem Hausfrauenverband solidarisch erklärt. Delegierte dieser Verbände und aller Westberliner Nachbarschaften werden am 27. September noch einmal endgültig über den Streik beschließen. Vorher aber will man noch einmal mit „denen da oben“ verhandeln. Wer genau eigentlich angesprochen werden soll, gegen welche Behörde sich der Streik richtet, wird nicht ganz klar. Gewiß nicht gegen das Preisamt, dessen Vertreter den Hausfrauen bereits erklärte, seine Behörde sei seit der Freigabe der Preise im April 1950 „ziemlich kreuzlahm“. Die Hauptsache ist – darin sind alle einig – daß die Hausfrauen sich „oben“ bemerkbar machen, daß „der Bürger kein Untertan mehr ist“, wie ein Nachbar stolz erklärt, und daß man entschlossen ist, „solange auf die Pauke zu hauen, bis es bumst.“