Robert Nixon ist der jüngste Vizepräsident, den die Geschichte der Vereinigten Staaten verzeichnet. Er hatte die Vierzig noch nicht erreicht, als er für dieses Amt nominiert wurde, das immerhin sieben Präsidenten der USA (von insgesamt dreißig) gestellt hat. Er ist der jüngste "Vize" und auch der einzige, der je in der Regierung wirklich aktiv geworden ist, denn die Verfassung schreibt diesem Amt keine Kompetenz administrativer Art zu. Präsident Eisenhower aber hat seinen Freund "Dick" zum Kabinettsmitglied gemacht. Dick präsidiert in Ikes Abwesenheit. Er ist auch Mitglied des National Security Council, der politisch fast wichtiger ist als das Kabinett.

Falls also Richard Nixon jetzt, da Präsident Eisenhower für Wochen, vielleicht Monate ausfällt, die Zügel der Regierung in die Hand nimmt, so heißt das nicht – wie damals im Falle Trumans –, daß die Last der Geschäfte einem völlig Uneingeweihten zufällt. Die Auguren in Washington haben schon seit langem gesagt, Nixon sei der Favorit im republikanischen Stall, falls Eisenhower 1956 nicht noch einmal kandidiere.

Gewiß ist die Bestürzung über die plötzliche Krankheit Eisenhowers groß in Amerika, aber das Vertrauen, der engste Mitarbeiter und Freund des Präsidenten werde die Kontinuität der Linie schon wahren, ist jedenfalls bei den Republikanern durchaus vorhanden. In demokratischen Kreisen wird man dessen nicht ganz so sicher sein. Ihnen mag der militante, immer aktive, immer Wachsamkeit predigende Mann, dessen Name oft im Zusammenhang mit den Erzrepublikanern und Kommunistenfressern genannt wurde, kein ganz liebenswerter Ersatz für den liberal denkenden Eisenhower sein. Und auch in Moskau wird man diesen vorübergehenden Führerwechsel, ausgerechnet während der Genfer Konferenz, keineswegs begeistert aufnehmen.

Richard Nixon hätte eigentlich – wäre es nach seiner Mutter gegangen – Pfarrer werden sollen, aber seine Neigung und viele eigenartige Zufälle führten ihn auf einen anderen Lebensweg. Einen Lebensweg, wie er bei der Generation, die zwischen den Weltkriegen aufwuchs, selten ist. Im vorigen Jahrhundert, da war eine kometenhafte Laufbahn vom Zeitungsjungen zum Millionär in Amerika keine Seltenheit; aber daß in unserer Epoche der Partei-, Behörden- und sonstigen Apparaturen ein schlichter Bürger in wenigen Jahren zur zweithöchsten Charge der ersten Großmacht dieser Erde aufsteigt, das ist gewiß kein alltägliches Ereignis.

Nixon stammt aus einer Quäkerfamilie. Seine Eltern lebten in äußerst bescheidenen Verhältnissen, ihnen gehörte in der Gegend von Los Angeles eine Benzinpumpe und ein Laden (Nixons Market, der auch heute noch existiert). Jeden Morgen, wenn die Kinder von Whittier in Kalifornien zur Schule gingen, dann hatte der kleine Richard Nixon schon ein langes Tagewerk hinter sich. Und auch während der ersten Jahre seiner Studienzeit war er nicht gerade auf Rosen gebettet. Ei hatte sich zusammen mit anderen Kommilitonen einer Bretterbude installiert, unweit der Universität, die er 1937 als fertiger Jurist verließ, um eine Anwaltspraxis aufzubauen. Der Krieg bereitete diesen Beginnen ein rasches Ende, Nixon wurde zur Marine eingezogen und auf den asiatischen Kriegsschauplatz verschickt.

Im November 1945 suchte ein republikanisches Komitee in Kalifornien einen geeigneten Kandidaten – möglichst einen Kriegsteilnehmer –, der gegen den langjährigen demokratischen Vertreter des Bezirks zum Repräsentantenhaus kandidieren könne. Ein Freund der Familie erfuhr davon, rief Nixon in Baltimore an und fragte: "Bist du Republikaner?". "Vielleicht", antwortete der, "jedenfalls habe ich 1944 für Dewey gestimmt." Wenn das so ist, meinte der Freund, dann solle er es nur versuchen. Und Nixon versuchte es. Er kandidierte, wurde gewählt und zog 1946 ins Repräsentantenhaus in Washington ein. Bald wurde ihm ein Posten im Komitee für unamerikanische Umtriebe angehängt. Und wenig später erschien vor eben diesem Komitee Alger Hiss, von dem Exkommunisten Whittaker Chambers der Spionage angeklagt.

Hiss leugnet standhaft Chambers jemals gesehen zu haben. Das Komitee ist von seiner Unschuld mehr oder weniger überzeugt. Nur Nixon zweifelt. Er läßt sich von Chambers alle möglichen Details über Hiss und dessen Lebensweise erzählen. Er sei ornithologisch interessiert und habe auf dem Lande bei ihm, Chambers, einmal einen sehr seltenen Singvogel entdeckt. Nixon bringt gelegentlich das Gespräch auf Vögel und fragt Hiss, ob er je die Stimme jener besonderen Lerchenart gehört habe. Hiss überrascht und interessiert antwortet: "Ja, in ..." und realisiert sofort, daß er zuviel gesagt hat. Der große Kommunistenagent war also von Nixon überführt worden. Mit einem Schlage wurde der Name Richard Nixon ein Begriff für ganz Amerika. Und rasch aufeinander folgten die weiteren Etappen seines Lebensweges. 1950 Senator für Kalifornien. 1952 Vizepräsident der Vereinigten Staaten.