Ein Tausendsassa leitet als Generalintendant die Städtischen Bühnen von Augsburg. Es ist Hans Meissner. Seinen Namen in Theaterkreisen erwarb er während der dreißiger Jahre als Regisseur von Freilicht- und Massenschauspielen auf dem Frankfurter Römerberg. Aus diesem Grunde holte ihn sich Augsburg, die Stadt, die am Roten Tor sogar Opern im Freien aufführt. Nun überrascht Meissner die Öffentlichkeit mit einem Personalverzeichnis, in dem unter den „musikalischen Vorständen“ der Städtischen Bühnen an erster Stelle die Generalmusikdirektoren Franz Konwitschny und Lovro von Matacic genannt sind. Nicht etwa als „Gäste“ – unter denen figuriert der ebenfalls während der dreißiger Jahre in Deutschland hervorgetretene Antwerpener Dirigent Hendrik Diels – nein: Konwitschny als erste Figur der „musikalischen Leitung“ in Augsburg!

Für diese Dirigentenprominenz der Sowjetzone ist Augsburg natürlich nur eine westliche Dependance. Konwitschny hat am 1. September das Ostberliner Propaganda-Institut, die neue Linden-Oper, mit Wagners „Meistersingern“ eröffnet. Konwitschny fand sich nämlich bereit, die musikalische Oberleitung der Ostberliner Staatsoper hauptamtlich zu übernehmen, als Erich Kleiber denselben Posten um der politischen Hypothek willen, die auf ihm lastet, den Herren von Pankow vor die Füße geworfen hatte. Daneben leitet Konwitschny das Gewandhaus-Orchester in Leipzig. Weil er als einziger von vielen westdeutschen Dirigenten, denen man den Posten des Gewandhaus-Kapellmeisters angeboten hatte, bereit war, Hamburg und Hannover, wo Konwitschny nach dem Kriege engagiert war, freiwillig mit der Sowjetzone zu vertauschen, wurde er schon bald mit dem Nationalpreis der Sowjetzone dekoriert. Das alles hinderte Generalintendant Meissner nicht, Konwitschny am Roten Tor von Augsburg als Gastdirigenten im Sommer, als Konzertdirigenten im Winter und nun gar als musikalischen Oberleiter der Städtischen Bühnen zu offerieren.

Solche Instinktlosigkeit eines westdeutschen Theaterleiters ist nicht einfach mit persönlicher Freundschaft zu verharmlosen. Gewiß, Konwitschny war Meissners Generalmusikdirektor im Frankfurt des Dritten Reiches. Mit ihm als Dirigenten führte die damalige Frankfurter Oper Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ (von Meissner inszeniert) während der ersten Kriegsjahre erstmals zyklisch auf dem Balkan, in Bukarest, Budapest und Belgrad, auf. Der politische Zweck dieses vom Reichspropagandaministerium gesteuerten Unternehmens war ebenso offensichtlich, wie eine Rede Meissners zu des „Führers Geburtstag“ auf ausländischem Boden peinlich wirkte. Denn man wußte, und zwar besonders in NSDAP-Kreisen, daß Hans Meissner bis 1933 rot und dann einer der ersten war, die von den braunen Machthabern als Intendanten bestätigt wurden. In einer langen Internierung war nach Kriegsende die Bräune endlich abgewaschen. Da holte ihn Gelsenkirchen, eingedenk des rühmlich bekannten Theaterorganisators von einst; er sollte in der „Stadt der tausend Feuer“ die Städtischen Bühnen aufbauen. Aber Meissner tat mehr. Er war freiwillig schwarz geworden. Die Vorsitzende des damaligen Kulturausschusses von Gelsenkirchen, eine CDU-Landtagsabgeordnete, war baß erstaunt, als sie wiederholt Herrn Meissner bei der Frühmesse traf: „Ich wußte gar nicht, daß wir einen frommen Intendanten haben.“ Meissner vollbrachte an Gesinnungswechsel stets mehr, als man von einem Theaterfachmann erwartet.

Stellt er nun in Augsburg wieder eine neue Weiche? Etwa über Konwitschny gen Osten? Schade wär’s um den wienerisch charmanten Kroaten Lovro von Matacic. 1940, als er Chef der Belgrader Nationaloper war, pries Matacic aufrichtig das deutsche Leistungs- und Stilbeispiel, das mit dem Frankfurter „Ring“ auch in Belgrad zu sehen war. Matacic dirigierte dann selbst in Deutschland, sogar die Berliner Philharmoniker. Jetzt ist er als Dirigent im Ljubljana des Tito-Staates engagiert. Aber kürzlich wurde Matacic nach einigen Gastspielen ernsthaft für die Nachfolge des pensionsfähigen Robert Heger als Hausdirigent der Münchner Staatsoper vorgeschlagen. Und nun mischt er die Karte Meissner-Konwitschny-Augsburg ins Spiel um ein deutsches Engagement. „Es tut mir weh, wenn ich dich in der Gesellschaft seh!“ -bi