Auf eintausend DM lautete der Zahlungsbefehl, den ein (in Bonn wohlbekannter ...) Kölner Rechtsanwalt gegen das Hamburger Exporthaus G. L. Gaiser erwirken ließ – "in eigener Sache", wohlgemerkt: es handelte sich da nämlich um den Teilbetrag eines "Erfolgshonorars", das der Anwalt beanspruchen zu können glaubte, nachdem er es durch seine "guten Beziehungen" durchgesetzt hatte, daß Kredite und Bundesbürgschaften im Betrag von mehreren Millionen DM, im wesentlichen aus ERP-Mitteln stammend, für den Wiederaufbau von deutschen Handelsniederlassungen im Ausland bewilligt worden waren, wovon der Löwenanteil, nämlich rund 75 v. H. gleich 6 Mill. DM, für das Nigeria-Geschäft der Firma Gaiser bestimmt sein sollte. Daß diese Firma, offenbar in dem guten Glauben, daß Forderungen aus solchen (sittenwidrigen) Geschäften nicht einklagbar seien, die Erfüllung des Zahlungsbefehls verweigerte, ist eine Sache für sich; freilich hat sie damit nur erreicht, daß sie "ins Gerede kam" – sie sei noch nicht einmal in der Lage, 1000 DM bar auf den Tisch zu legen, so hieß es nun, urbi et orbi. Bald danach aber wurde mitgeteilt, daß sie für ihr (umsatzmäßig wieder sehr groß gewordenes) Nigeria-Geschäft einen kapitalkräftigen Partner gefunden habe, nämlich in Gestalt der (niederländischen) Borsumij ("Borneo-Sumatra Maatschappij"). Was die Öffentlichkeit aber nicht erfuhr, das war, daß die Holländer – nach langen, zunächst gewiß sehr aussichtsreich erscheinenden Verhandlungen, zu deren Ermöglichung man G. L. Gaiser wesentliche Teile der bankmäßigen Sicherheiten ihres (durch öffentliche Mittel verbürgten). Kredites freigegeben hatte – sich von dem Geschäft zurückgezogen hatten ... Und auch nur einem kleinen eingeweihten Kreise wurde die Tatsache bekannt, daß Mitte Juli gegen G. L. Gaiser Antrag auf Eröffnung des Konkursverfahrens gestellt worden war, daß aber der Antragsteller – die Hamburger "Bank für Gemeinwirtschaft", die jene bürgschaftsgesicherten Kredite gegeben hatte – ihren Antrag über drei Monate hin in der Schwebe gelassen hatte, um neue (und angeblich wieder aussichtsreiche ...) Verhandlungen über die Konsolidierung bei G. L. Gaiser, durch Beteiligung interessierter (inländischer – zeitweise auch ausländischer) Finanzgruppen nicht zu stören ... Das Bild wurde erst anders, als die Firma Gaiser (Mitte September) bekanntgab, daß sie Antrag auf Eröffnung des gerichtlichen Vergleichsverfahrens gestellt habe.

Jetzt endlich ist die öffentliche Diskussion darüber möglich, wie es dazu kommen konnte, und ob es dazu kommen mußte. Die Vorgeschichte dieses Vergleichsverfahrens ist überreich an sonderbaren Geschehnissen; einige davon – längst nicht alle! – haben wir bereits erwähnt. Absonderlich ist wohl vor allem die Rolle, die der bundeseigenen Treuhandgesellschaft bei und nach der Gewährung der (vom Bund und von der Hansestadt Hamburg gegebenen) öffentlichen Bürgschaften an Gaiser zugefallen ist. Bei einer Prüfung der Liquiditätslage von Gaiser hat die Treuhandgesellschaft nämlich – wie der Hamburger Wirtschaftssenator nun mitteilte – "festgestellt", daß ein weiterer Kapitalbedarf in Höhe von 5,5 Mill. DM (für Betriebsmittel und für Investitionen) bestand. Offerbar ist die Treuhandgesellschaft erst nach der Kreditgewährung und der Bürgschaftsübernahme der öffentlichen Hand mit einer Prüfung betraut worden ... aber hätten nicht die Bürgen, hatten, nicht auch die kreditgebenden Banken vorweg prüfen und erkennen müssen, daß es im Falle Gaiser mit der einen Million DM, die für Investitionen bestimmt sein sollte – neben weiteren fünf Mill. DM "Plafond" für einen revolvierenden kurzfristigen Betriebsmittelkredit – eben nicht getan war? Was soll man weiterhin dazu sagen, wenn nun der zuständige Behördenchef berichtet, "später" sei festgestellt worden, daß die Finanzbuchhaltung bei Gaiser "absolut nicht in Ordnung sei"? Hier haben doch entweder die kreditgebenden Banken völlig versagt oder es ist schon früher, bei der Bewilligung der öffentlichen Bürgschaften, nicht mit der erforderlichen Sorgfalt verfahren worden! Vollends närrisch aber wird die ganze Angelegenheit dadurch, daß die hamburgische Wirtschaftsbehörde, nachdem eine der Handelskammer Hamburg nahestehende Persönlichkeit die Dinge an Ort und Stelle in Augenschein genommen hat, resignierend festgestellt hat: In Nigeria, das im nächsten Jahre den Dominion-Status erhalten werde, sei es zur Zeit völlig unmöglich, sich konkrete Bewertungs Grundlagen (über das dortige Vermögen des Hauses Gaiser) zu beschaffen. Ohne solche Unterlagen und nur auf eine Bilanz hin, die nicht geprüft ist, dir also der Testvermerk fehlt, einen Kredit von 5,6 Mill. gegeben und verbürgt zu haben – einen Kredit, der obendrein seiner Höhe nach "zum Sterben zuviel und zum Leben zu wenig" war! – das ist wahrhaftig kein Ruhmesblatt für die Banken hier, für die Bürgschaftsverpflichteten da und für alle sonstigen Beteiligten obendrein. Zudem sind die Entscheidungen vielfach in die Hand von Männern gelegt worden, denen es entweder an Erfahrungen und Kenntnissen oder an der notwendigen charakterlichen Qualifikation merklich gefehlt hat Und schließlich waren ja schon im Sommer 1953 (d. h. also: ehe die Bürgschaften gegeben wurden) sachkundigen Leuten in Hamburg die Zahlungsschwierigkeiten der Firma Gaiser (gegenüber ihren britischen Bankverbindungen, die bisher das Nigeria-Geschäft finanziert hatten) durchaus bekanrt!

Nun: "Die Behörde" braucht nicht alles zu wissen, und sie kann nicht alles wissen. Damit muß man sich wohl abfinden. Womit man sich aber nicht abfinden kann, das ist das geringe Verantwortungsbewußtsein, mit dem alle Beteiligten verfahren sind: zunächst und direkt der Firma Gaiser gegenüber, der man "freien Start" zur Wiedererrichtung ihrer westafrikanischen Niederlassungen gab, ohne die hierfür in Aussicht gestellten Kredit- und Bürgschaftshilfen sachgemäß und ausreichend zu bemessen – und weiterhin dem Steuerzahler gegenüber, mit dessen Geldern man auch in diesem Falle allzu großzügig verfahren ist, ohne vorher die Tatbestände richtig geprüft, den Umfang der erforderlichen Hilfe genau überlegt zu haben. Jetzt steht man vor einem kompletten Scherbenhaufen, wenn nicht noch in letzter Minute das Unwahrscheinliche gelingen sollte, daß während des Vergleichsverfahrens eine kapitalkräftige Gruppe bei Gaiser einsteigt, um die rund eine Mill. DM betragenden Forderungen britischer Banken gegenüber der überseeischen Tochtergesellschaft, der Gaiser Ltd. in Lagos (Nigeria) abzulösen, und sich mit den deutschen Gläubigern von G. L. Gaiser-Hamburg zu rangieren. Wahrscheinlich wäre es dann sogar möglich, die Geschäfte in Nigeria – noch ist der Status dort aktiv! – ohne weitere Verluste weiterzuführen.Andernfalls aber muß damit gerechnet werden, daß die öffentliche Hand aus ihren Bürgschaften mit erheblichen Beträgen in Anspruch genommen wird. Und nicht nur das: auch die westafrikanische Position des nun fast hundert Jahre bestehenden Handelshauses Gaiser ist dann endgültig verloren, mit seinem dem Werte nach gar nicht abschätzbaren und für die deutsche Exportwirtschaft wahrhaftig unersetzlichen goodwill "drüben". Erwin Topf