In Deutschland – glaubt man einigen deutschen „Schriftstellern – scheint sich alles zu wiederholen. Die alten Kulissen brauchen offensichtlich nur etwas frische Farbe, damit das bekannte Stück vom erfolgssatten Bürger wieder gespielt werden kann. Wenn man zum Beispiel das Bild unserer Zeit betrachtet, das Martin Kessel in seinen Essays, Glossen und Satiren zeichnet:

Martin Kessel: In Wirklichkeit aber. Cecilie Dessler Verlag, Berlin. 191 Seiten 7,80 DM,

so wäre man unsicher, wenn man es datieren müßte. Da begegnet dem Leser unter anderem der Gemüsehändler, dessen Geschäftsfreund die Klassiker meterweise kauft, die schnippisch-dreiste Verkäuferin, die jeden Abend ins Kino geht, die intrigante Schauspielerin, die das Gretchen spielen will, der Familienvater, der im Konzert an seinen Skat denkt, der Betrunkene, der von Straßenmädchen eingefangen wird. Zu diesen Klischeegestalten gesellt sich der Spießer, „forsch ... burschikos... zotig“ – alles Gestalten der 20iger Jahre – und natürlich der „Einzelgänger“, der als letzter Individualist, als „Kuckucksei“ und „Fragezeichen der Gesellschaft“ durch die Welt geht. Aber erhält er sie durch die Herausgabe einer Reihe von verbitterten Essays? Das wäre nur möglich, wenn er die Gesellschaft wirklich in Frage stellte, wenn er, der klagt: „Was wird heutzutage alles geredet!“, selbst etwas zu sagen hätte. Es wäre verdienstvoll und notwendig, ein zutreffendes satirisches Bild unserer Gegenwart zu geben. Es wäre wichtig, die tatsächlichen neuen Sünden, Tabus und Idole unserer Gesellschaft festzustellen und zu untersuchen. Es wäre also Treffsicherheit der Beobachtung vonnöten, statt wiederholter Behandlung der konventionellen Sujets. Etwas näher an die zeitbedingten Probleme heran rückt das Bändchen

Armin Eichholz: Per Saldo. Verlag Pohl, München. 112 Seiten. 4.80 DM.

Die Themen sind mit publikumssicherer Routine ausgewählt. Da geht es um den Bonner Minister, der zur Fernsehsendung geschminkt wird, um Filmstars, NATO-Generäle, um Thomas Mann und Gottfried Benn, um Sonnenbrillen und Gallup-Umfragen. Gewiß: teilweise gut beobachtet und flüssig formuliert (besonders gelungen sind die „Momentaufnahmen“), aber auch hinter den scheinbar „modernen“ Problemen verbirgt sich zum Teil die übliche Handelsware oft erprobter und von der Grundsituation schon abgelöster Themen. „Modell einer Machtübernahme“ – das ist das an Orwell orientierte politische Gleichnis, „Der Sonstige“ – das ist die Variation des Einzelner-Masse-Problems, „Fasching der Prominenz“ – das ist geschult an den knappen Gesellschaftskritiken Kästners. Und gerade bei diesen Skizzen, die den Vergleich mit zum Beispiel den ehemaligen Stammgästen des Romanischen Cafés erlauben, wird deutlich, daß der Autor nur mit dem sachlich registrierenden Auge beobachtet. Das „goldene Herz“ Tucholskys fehlt und damit auch jede Möglichkeit zu einer tieferen Wirkung. Mit Hochmut statt Anteilnahme bleiben Zeitglossen journalistisches l’art pour l’art. Reich versehen mit dem für diese Gattung so wichtigen Element, das Kessel und Eichholz fehlt, nämlich dem Humor, ist:

Hellmut Holthaus: Lohnt es sich? Verlag Josef Knecht, Carolusdruckerei, Frankfurt/Main. 198 Seit. 7,80 DM.

Es ist mit „Abstand von Welt und Zeit“ geschrieben. Die Themen scheinen zufällig aus dem Alltag eines Herrn Jedermann gegriffen zu sein, unbedeutende Ereignisse am Rande des großen Zeitgeschehens. Aber aus dem Gespräch mit einem Kinde, aus den Schnappschüssen des Fußgängers, des Liebespaares mit dem tragbaren Radio, des skythischen Aschenmeisters, des Grand Hotels formt sich ein in jedem Zug treffendes Bild des Menschen von heute. Das erreicht Holthaus dadurch, daß er die unveränderlichen menschlichen Eigenschaften, Gefühle und Probleme in Beziehung setzt zu den besonderen, von Kitschromanen, Weltkriegen, Illustriertensensationen und Radiomeldungen bestimmten Eigenschaften unserer Zeitgenossen. Konkret gesehen ergibt das zum Beispiel solche Fragen: Wie wirbt ein Motorradfahrer um ein Mädchen? Wie reist die Familie 1955? Wie ist unser Verhalten zu Geld, Phantasie und Verwandten? Die Antworten erfolgen mit der heiteren Sicherheit dessen, der im Ernst das Spiel verborgen weiß, und es versteht sich die endgültige Feststellung als Antwort auf die Titelfrage: Lohnt es sich? – Es lohnt sich! sy.