Einige Realkreditinstitute haben bereits im Sommer prognostiziert: die nach unten gerichtete Tendenz des Kapitalzinses werde bald – spätestens in den Herbstmonaten – eine Unterbrechung erfahren. Mit dieser seinerzeit reichlich pessimistisch erscheinenden Vorhersage haben sie recht behalten. Die für festverzinsliche Werte repräsentative fünfprozentige Bundesanleihe von 1952, die im Juni noch 104 1/4 – 104 1/2 notierte, war in der Mitte der vergangenen Woche an der Frankfurter Börse zu 101 v. H. erhältlich. Das ist für Rentenpapiere zwar kein besonders aufregender, aber ein immerhin merkbarer Kursrückgang. Wenn die Hypothekenbankbriefe nicht ganz so stark „mitgegangen“ sind, so vor allem deshalb, weil das Angebot aus Neuemissionen klein gehalten wurde, um die Börsenkurse nicht zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Entwicklung des Kapitalzinses läßt sich heute weiterhin gut an den Konditionen der Schuldscheindarlehen ablesen. Hier sind die Zinsen, die (je nach der Bonität des Schuldners) im Sommer um 6 v. H. schwankten, auf 6 3/4– 7 1/4 v. H. bei einem Auszahlungskurs von 99 v. H. und einer Bonifikation von 1 v. H. hinaufgegangen. Alles in allem zeigt sich so, daß die bisherige Zinssenkungstendenz am Kapitalmarkt sich ins Gegenteil verkehrt hat. Wer es im Sommer nicht glauben wollte, daß der Markt besonders günstige Bedingungen für die Aufnahme von Darlehen bot, wird heute, da es zu spät ist, durch die Entwicklung eines anderen belehrt.

Der Umschwung ist nicht allein auf die voraussehbare Entwicklung von Kapitalangebot und Kapitalnachfrage zurückzuführen, sondern ist darüber hinaus das Ergebnis der gewandelten konjunkturellen Situation. Der Beschluß des Zentralbankrates, den Diskontsatz heraufzusetzen und die Mindestreserven zu erhöhen, hatte eine sehr viel stärkere Wirkung, als man dies zu Anfang August noch annehmen konnte. Diese restriktive Maßnahme fiel in eine Zeit, in der sich, aus rein saisonmäßigen Gründen, der Geldmarkt versteift. Erntefinanzierung, Winterbevorratung, erhöhte Importe vor der Weihnachtssaison und der große Steuertermin vom 10. September stellen an die Wirtschaft erhebliche Ansprüche, die in Form von Kreditforderungen an die Banken herankommen. Andererseits aber wurde das Kreditpoter.tial der Banken – durch die Erhöhung der Mindestreserven – merklich eingeschränkt. Die Kreditinstitute wurden damit vor die Notwendigkeit gestellt, sich zusätzliches Geld zu beschaffen. Dafür gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Sie können Wechsel bei den Landeszentralbanken diskontieren, oder ihre Guthaben bei Auslandsbanken an die Notenbank verkaufen; schließlich vermögen sie sich dadurch Geld zu beschaffen, daß sie Wertpapiere ans ihrem Bestand an der Börse veräußern. Hierbei stoßen sie in erster Linie Rentenpapiere ab, weil das ohne größere Verluste möglich ist, denn das bestehende Kursniveau ist keineswegs schlecht. Von ihrem Aktienbesitz trennen sich die Banken dagegen nur ungern, weil dies für sie eine Realisation sehr erheblicher Kursgewinne bedeutet, die ja versteuert werden müssen.

Nun sind die Geschäftsbanken offenbar bei der Beschaffung von flüssigen Mitteln teilweise etwas weiter gegangen, als ihre gegenwärtige Liquiditätslage dies erforderte. Die Drohung des Zentralbankrates, die „Kreditbremse“ schärfer anzuziehen. wenn die Konjunkturlage es notwendig machen sollte, hat geradezu einen Schock ausgelöst, zumal die Gelddisponenten schon jetzt auf den Jahresultimo mit seinen Anspannungen schauen. Sie trennen sich deshalb nicht gern von ihrem Wechselportefeuille und beanspruchen noch weniger gern ihre Rediskontkontingent bei den Landeszentralbanken allzusehr. Sie möchten nämlich in den kommenden Monaten, wenn vielleicht stärkere Kreditanforderungen an sie herantreten, beweglich bleiben. Wer so kalkuliert, sagt sich, daß es vielleicht besser sei, jetzt festverzinsliche Werte zu Pari (und darüber) freiwillig zu verkaufen, als in einigen Monaten bei einer dann eventuell schwachen Börse hierzu gezwungen zu sein. Solche Überlegungen aber zeigen, daß der deutsche Kapitalmarkt eben noch Schwächen aufweist, die man bisher nicht sah – oder auch nicht sehen wollte. Ein reichlich großer Betrag an Rentenpapieren liegt nicht im Dauerbesitz, sondern stellt eine Geldmarktanlage dar. Das gilt nicht nur für die Banken, sondern auch für ihre Großkundschaft. Hier wurden überall – vielfach auf Rat der Banken – vor allem, solange es noch steuerfreie Papiere gab, vorübergehend disponible Mittel in Rentenwerten angelegt. Zu einem Teil geschah dies mit Geldern, die für die Rückzahlung von Krediten zur Verfügung standen. Sollte nun der Zentralbankrat gezwungen sein, eine schärfere Restriktionspolitik durchzuführen, dann müssen solche Bestände „ins Schwimmen kommen“. Entweder werden sie von den Wirtschaftsunternehmen verkauft, um Kredite zurückzahlen zu können – oder sie werden von den Banken veräußert, um nicht zu einer allzu stark restriktiven Politik gegenüber ihrer Kundschaft gezwungen zu sein. Für den Kapitalmarkt kommt beides auf dasselbe hinaus.

Die Wechselwirkungen zwischen Kapital- und Geldmarkt sind also wieder recht eng geworden, so daß kreditpolitische Maßnahmen, die schnell und scharf erfolgen, heftiger auf den Kapitalmarkt durchschlagen können, als es erwünscht sein mag. Das sollte man in der Wirtschaft sehen, und erkennen, wie wichtig es im Augenblick ist, die eigenen geschäftlichen Dispositionen so zu treffen, daß von ihnen keine expansiven Tendenzen ausgehen. Im Augenblick sind die psychologischen Reaktionen der Wirtschaft mindestens ebenso wichtig, wie kreditpolitische Maßnahmen. Erlaubt es ein diszipliniertes Verhalten, die Kreditbremse vorsichtig und schonend zu handhaben, dann läßt sich eine Überbeanspruchung des Kapitalmarktes vermeiden und das Angebot an Rentenpapieren so beschränken, daß es von den Stellen, die eine Daueranlage suchen, aufgenommen werden kann. Die hierfür bereitstehenden Beträge sind nämlich recht groß, zumal die Zinsen, die sowohl bei den Kapitalsammelstellen wie bei privaten Sparern anfallen, wieder eine bedeutsame Rolle spielen.

Vor allem aber sollte jetzt mit Neuemissionen – einerlei, ob es solche der privaten Wirtschaft oder der öffentlichen Hand sind – Zurückhaltung geübt werden. Wenn die Konditionen im Sommer nicht gut genug waren, dann müßten sie jetzt eigentlich zu schlecht sein ... Wird wirklich Disziplin auf dem Kapitalmarkt geübt, dann ist ein Kurssturz mit seinen bösen Folgen unwahrscheinlich; außerdem wird so auch wesentlich dazu beigetragen, die schwachen Stellen des Kapitalmarktes zu festigen. Ein Kursniveau, das von extremen Bewegungen verschont bleibt, bietet nämlich für den, der eine Daueranlage sucht, noch immer den besten Anreiz. W. R.