J. H., Paris, im September

In der französischen Öffentlichkeit ist um das Problem der Wüste Sahara eine Art Psychose entstanden, ähnlich jener, die nach den Erdölfunden bei Porentis in der Nähe von Bordeaux die Börsenkreise erfaßte. Heute weiß man, daß Parentis bestenfalls fünf v. H. des französischen Bedarfs an Rohöl decken wird. Aber die Illusionen um die Sahara gehen weiter:

Von Zeit zu Zeit kann man daher überraschende Berichte lesen. Diesen Berichten nach ist die Sahara die „größte Schatzkammer Frankreichs“; man findet dort nicht nur Petroleum, sondern auch eine Reihe von nichteisenhaltigen Metallen sowie Kohle und selbst Eisen. Eine geologische Kommission folgt der anderen, und es wird allen Ernstes behauptet, daß dieses trockenste Gebiet der Erde ein neues Eldorado werden wird, ein gigantisches Industriezentrum vor den Toren des europäischen Kontinents. Wohl gibt es Wissenschaftler, die vor diesen neuartigen Luftspiegelungen romantischer Technologie warnen. Aber man schlägt ihre warnenden Stimmen in den Wind. Die Menschen wollen glauben, hoffen, bewundern ...

Gewiß, die durch das „Bureau industriel africain“ unternommenen Recherchen sind nicht erfolglos geblieben. Und sie lassen sich auch sehen. Seit einiger Zeit schon werden in der Nähe der algerisch – marokkanischen Grenze Schürfungen unternommen, die das Vorhandensein verschiedener Erzvorkommen feststellten. An mehreren Stellen des Oued Béchar entdeckte man Eisenerz von 70 v. H. Gehalt. Dieses Erz ist unter anderem bis zu 25 v. H. mit Schwefel durchsetzt, ferner mit Blei, Zink und Silber. In der Region von Bou Kais, in einer Zone, die sich über mehr als 100 km erstreckt, wurden reiche Kupferworkommen gefunden. Der Kupfergehalt des Gesteins erreicht bis zu vier v. H. Bei Diebel Arial wurde oei verschiedenen Gesteinsproben sogar ein Gehalt bis zu 50 v. H. festgestellt.

In drei verschiedenen Gebieten entdeckte man Manganerzvorkommen. Die erste dieser Zonen befindet sich bei Zerzat, östlich der Kupferfunde von Bou Kais. Hier wird bereits Manganerz mit einem Gehalt bis zu 50 v. H. gewonnen. Eine zweite Zone ist in der Region von Menabha, ebenfalls östlich von Bou Kais, wo Manganerze mit einem Gehalt bis zu 15 v.H. freigelegt worden sind. Und die Geologen haben errechnet, daß sich hier bis zu 400 000 t Manganerz befinden müßten. Vcn großer Bedeutung sind die Kohlenvorkommen von Colomb Béchar, die Gruben von Kenadsa und Ksiksou. Ihre Reserven werden auf 20 Mill. t geschätzt. Die jährliche Produktion erreicht etwa 300 000 t. Auch im Bassin von Tindouf wurde Kohle entdeckt, ebenso im Djebel Hairech. Aber da wie dort werden die Funde noch nicht abgebaut.

Besonders verstärkt wurde in der letzten Zeit die Suche nach Petroleum. Die Fragen, die dabei zu lösen sind, haben gewaltige Ausmaße. Es müssen geologische Untersuchungen auf einer Fläche von mehreren 100 000 qm geführt werden, und das Bohrmaterial wird über Entfernungen von mehr als 1000 km befördert. Das Klima erhöht noch die Schwierigkeiten. Die Techniker arbeiten im Sommer bei mehr als 50 Hitzegraden. Vier Gesellschaften sind gegenwärtig an der Erdölsuche beteiligt, zwei verfügen ausschließlich über französisches Kapital, eine dritte Gesellschaft weist eine Beteiligung zu 30 v. H. der Royal Dutch auf, während die vierte Gesellschaft zu 70 v. H. von der Royal Dutch geführt wird. Jede Gruppe kann nicht mehr als eine Bohrung im Jahr unternehmen. Das ist wenig, wenn man die Größe des Suchgebietes in Betracht zieht, das den Umfang Frankreichs weit übersteigt.

Bisher hat man wohl da und dort Gasvorkommen entdeckt, aber Petroleum wurde nicht gefunden. Wird aber einmal Petroleum in der Sahara gefunden werden, und zwar in so ausreichendem Maße, um die Ausbeutung rentabel zu machen, dann wird sich nicht nur die Frage der Arbeitskräfte stellen, sondern auch die des Transportes. Transportfragen und Fragen der Arbeitskräfte sind nur zwei der Faktoren; der dritte Punkt ist die Frage des Absatzes. Und da bieten die Eisenerzfunde bei Tindouf ein treffendes Beispiel.