Über die Statistik läßt sich streiten. Es ist eine offene Frage, wie weit sich die Wirklichkeit in nüchterne Zahlenkolonnen, die ja zudem nur Durchschnittswerte sind, einfangen läßt. Die Hausfrauen sind sogar durchweg der Meinung, daß der Lebenshaltungsindex eine Erfindung des Teufels ist. Aber ein Stück Wahrheit liegt wohl auf jeden Fall in solchen Errechnungen, und so liest man doch mit Aufmerksamkeit den Aufsatz, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (Berlin) in seinem Wochenbericht Nr. 37 veröffentlicht hat. Er ist überschrieben „Die Lohnquote“ und beschäftigt sich mit der gegenwärtig so heiß umstrittenen Frage, wie sich im Rahmen der gesamten Einkommensentwicklung der Anteil der Lohn- und Gehaltsempfänger gestaltet hat.

Von Jahr zu Jahr ist das Sozialprodukt gestiegen, also die Menge der Güter und Leistungen, die für Verbrauch und Investition zur Verfügung steht. Die Gewerkschaften sind der Meinung, daß die Arbeitgeber aus dieser Aufwärtsbewegung der Volkswirtschaft mehr Nutzen gezogen haben als die Arbeitnehmer. Die „Lohnquote“ sei gegenüber der „Gewinnquote“ zurückgeblieben. Die Zahlenangaben, die nun von dem Berliner Institut gemacht werden, zeigen, daß die Gewerkschaften in einer gewissen Beziehung mit dieser Behauptung noch nicht einmal so unrecht haben. Aber die Konsequenzen sind falsch, die sie aus den gegebenen Fakten der Einkommensentwicklung ziehen.

Aus der von dem Institut vorgelegten cabellarischen Übersicht über die Entwicklung der Nettoeinkommen in der Bundesrepublik (im v. H. des Nettosozialprodukts) läßt sich ablesen, daß die Lohnquote im zweiten Halbjahr 1949 ihren Höhepunkt hatte. Sie sank dann im Verlauf der Koreakonjunktur und ihrer Nachwirkungen ab und zog im zweiten Halbjahr 1952 und im Jahre 1953 wieder an. Seitdem ist der Anteil der Lohn- und Gehaltssumme am Wertzuwachs des Sozialprodukts – und damit der Anteil der Kaufkraft der Arbeitnehmer an der gesamten von der Wirtschaft geschaffenen Kaufkraft – in etwa konstant geblieben. Die Nettoeinkommen der „Selbständigen und Unternehmungen“ erreichten umgekehrt in der Koreakonjunktur ihr Maximum, um dann vom zweiten Halbjahr 1951 an bis in das erste Halbjahr 1953 abzufallen. Seitdem zeigen sie wieder eine (allerdings nur leicht) aufsteigende Tendenz. Das ist nicht uninteressant. Aber man kommt den Realitäten doch wohl näher, wenn man das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beider Gruppen miteinander in Vergleich setzt. Da die in der Bundesrepublik gezahlte Lohn- und Gehaltssumme sich auf eine von Jahr zu Jahr wachsende Zahl von Arbeitnehmern verteilt, und da andererseits bei den „Selbständigen und Unternehmungen“ eher ein leichtes Absinken ihrer Zahl als eine Zunahme unterstellt werden kann, tut man wohl der Wirklichkeit keine Gewalt an, wenn man sagt, daß, auf den einzelnen bezogen, der „Kleine“ aus der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung im allgemeinen weniger profitiert hat als der „Große“ – oder, wenn man das mit dem Vokabular unserer Statistiker sagen will: daß der Anteil des im Jahresdurchschnitt beschäftigten Arbeitnehmers an der aufsteigenden Einkommensentwicklung nicht so stark zunahm als der seines Arbeitgebers.

Das sagt jedenfalls diese Statistik. Und auch das Statistische Bundesamt kommt auf der Basis von Brutto-Errechnungen zu ähnlichen Ergebnissen. Wichtiger aber als diese Feststellung ist die Beantwortung der Frage, wie man daran etwas ändern kann. Und da sei den Gewerkschaften, die ihre Lohnforderungen so gern mit dem Argument von der „zurückbleibenden Lohnquote“ begründen, doch empfohlen, sich auch die anderen Rubriken einer solchen Aufrechnung anzusehen.

Da ist etwa die Aufgliederung der Unternehmereinkommen in „Entnahmen“ (vor allem also für den Verbrauch) und „unverteilte Einkommen“ (also Investitionen). Sie gibt einen Anhalt dafür, was die Unternehmer mit ihren Gewinnen gemacht haben. Die „Entnahmen“ zeigen in den letzten Jahren eine fallende, die „unverteilten Einkommen“ eine steigende Tendenz, besonders auffallend von 1954 auf 1955. Wenn also die Gewerkschaften die „überhöhten“ Unternehmereinkommen zugunsten der Lohn- und Gehaltsempfänger anzapfen wollen, dann dürfte das bei dem augenblicklichen Trend in der Verwendung der Unternehmereinkommen weniger auf Kosten der Lebenshaltung der Arbeitgeber gehen, als vielmehr auf Kosten der Investitionen und damit der Beschäftigung – es sei denn, die Arbeitnehmer entschließen sich, das ihnen über Lohn- und Gehaltserhöhungen zugeschobene Mehreinkommen in wesentlichen Beträgen zu sparen, um damit den Teil der Investitionen auf ihre Schulter zu nehmen, der von den zurückgehenden Unternehmereinkommen nicht gedeckt wird.

Und da darf man sich doch wohl keinen Illusionen hingeben. Wenn man einen Blick auf die Entwicklung der „privaten Sparung“ in der Tabelle des Berliner Instituts wirft, dann kann man zwar sehen, daß sich in dieser Richtung einige durchaus hoffnungsvolle Aspekte abzeichnen. Aber es sind eben doch nur Aspekte und leider noch keine ins Gewicht fallenden Realitäten. Die Sparrate zeigt (nach ihrem Niederbruch in der Koreakonjunktur) bis in die jüngsten Tage hinein – sogar der Hochkonjunktur zum Trotz – eine aufsteigende Linie. Wenn man aber einen Blick in den letzten Jahresbericht des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes wirft und sich die Größenordnungen der bei den Sparkassen unterhaltenen Konten und Einlagen ansieht, dann kommt man doch zu der betrüblichen Erkenntnis: es ist zur Zeit noch eine relativ kleine Zahl von Sparern, von denen man im Hinblick auf die Summen, die ihnen gutgeschrieben sind, annehmen kann, daß sie in ihren auf die hohe Kante gelegten Geldern mehr als nur eine Rücklage für spätere Verbrauchsanschaffungen oder einen Notpfennig für schlechtere Zeiten sehen.

Wir wollen damit den Sparkassen, die ja in vier Wochen wieder ihren „Weltspartag“ feiern und dabei erneut mit der Bekanntgabe gewichtiger Sparerfolge aufwarten dürften, keineswegs Wasser in ihren Wein gießen. Wir wollen damit nur sagen, daß die echte Sparbereitschaft der breiten Bevölkerungsschichten – aus welchen Gründen, das mag dahingestellt bleiben – eben doch noch recht schwach ist und daß die steigende Sparrate in ihrer jetzigen Zusammensetzung noch kein Äquivalent für gestutzte Unternehmergewinne sein kann – besonders in einer Situation, die durch steigende Kapitalbedürfnisse der Wirtschaft gekennzeichnet ist. Hier also ist der wunde Punkt, um den man sich, auch von Seiten der Gewerkschaften, mehr bekümmern sollte, und hier ist die Stelle, wo der Hebel für die Umstellung der Weichen in der Einkommensentwicklung stärker als bisher angesetzt werden muß. Mit Lohn- und Gehaltserhöhungen allein jedenfalls ist das nicht zu schaffen. Sie werden diesem Vorhaben, – dessen sozialpolitische Dringlichkeit außer Frage steht, sogar abträglich sein, wenn sie über ein realistisches Maß hinausgehen. Wolf gang Krüger