I. Notizen einer Reise von Pommern nach Niederschlesien

Von Maurice Le Boule

Der französische Journalist Maurice Le Boule hat in den letzten Wochen die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie besucht, die gegenwärtig unter polnischer Verwaltung stehen. Der folgende Bericht für DIE ZEIT ist vom Standpunkt eines unbeteiligten Beobachters geschrieben, der von dem Schicksal der Bewohner und ihrer unmenschlichen Austreibung unberührt blieb. Voreingenommenheit gegenüber Polen kann man ihm gewiß nicht vorwerfen. Die Eindrücke eines Breslauers, der seine Heimatstadt vor kurzem wiedergesehen hat, werden wir in der nächsten Ausgabe veröffentlichen.

In Stettin beweisen nur die alten, kreischenden Straßenbahnwagen, daß man nicht mehr im Mittelalter ist. Die Stadt sieht aus, als wäre sie von dem Schock des Krieges noch nicht wieder aufgewacht. Alles ist grau, die Trümmer und die Menschen. Die gänzlich zerstörten Stadtviertel an der Oder und am Hafen sind ein Niemandsland, wo man nichts trifft als Kinder, die in den Ruinen spielen, und ein paar Pferde, deren Hunger jedoch das unwiderstehliche Wachstum der Vegetation nicht aufhalten kann. Alles, was das Bild einer modernen Stadt ausmacht – Verkehr, Lichter, Kinos, Warenhäuser – ist verschwunden und nicht ersetzt worden.

Elendes Stettin

In den besser erhaltenen Wohnvierteln Stettins leben heute, nach amtlicher polnischer Statistik, 250 000 Menschen (darunter angeblich nur 2000 Deutsche). Viele von ihnen sind polnische Bauern, die aus den 1945 an die Sowjets abgetretenen ostpolnischen Gebieten in weiten Trecks hierhergewandert sind, weil sie nicht sowjetische Staatsbürger werden wollten. In dem furchtbaren Chaos von damals wies ihnen niemand neue Wohnsitze an; sie mußten sie sich selbst suchen – und fanden sie in den Häusern der verlassenen deutschen Städte.

Sie sind auch in Stettin geblieben, was sie waren: Bauern. Sie konnten nicht zu Städtern werden, weil Stettin mit seinem zerstörten Zentrum keine Stadt mehr ist.