Den meisten Leuten sieht man es an der Nase an, wo sie politisch stehen. Sie haben sich ihr Plätzchen da ausgesucht, wo sie am wenigsten nachzudenken brauchen und nicht in Gewissenskonflikte geraten. Die Bequemlichkeit war zu allen Zeiten die zugkräftigste Wahlparole. Man kann an der Hoffnung, alles möge beim alten bleiben, unbemerkt zugrunde gehen, und nichts ist leichter, als dem eigenen Staatswesen durch den Wunsch nach seiner Unveränderlichkeit den Garaus zu machen. Aber auch für das trägste Gemüt gibt es Augenblicke, in denen es der Partei, der es einst seine Stimme gegeben hat, nicht folgen kann und erschrocken von ihrer Politik abrückt, um mehr oder weniger heimlich jener Opposition recht zu geben, die es einst ausdrücklich oder durch die bloße Abgabe des Stimmzettels verworfen hat. Gewiß, wenn solcher Wankelmut ans Licht kommt, wird der Treulose zu hören bekommen, daß gerade in der Politik Charakterfestigkeit notwendig sei. Wohin kämen wir, wenn der Wähler, der sich den lieben langen Tag lang zur Politik der Partei A bekannt hat bei Einbruch der Dunkelheit dem Zweifel das Pförtchenöffnet und die halbe Nacht mit den Thesenund Grundsätzen der Partei B zubringen wollte. Bleich und zerrüttet steht der Sünder am anderen Morgen vor dem strengen Aug’ seiner politischen Führer und muß sich sagen lassen, daß man ihm den Fehltritt auf den ersten Blick ansieht.

Trotzdem geraten manche von uns immer wieder; in diese Lage. Gestern noch haben sie dem Manne, dem sie als Staatsbürger ihr Vertrauen gaben, zugestimmt und gemurmelt: „Keiner trifft’s doch so gut wie er!“ und heute winden sie sich vor seiner jüngsten Entscheidung mit dem Seufzer: „Nein, diesmal kann ich ihm beim besten Willen nicht folgen!“ Das ist eine schmerzhafte Situation, aber die Zahl derer, die sich in ihr befinden, ist größer, als man glaubt. Denn wenn man auf die Frage, wo man politisch stehe, eine auch noch so freudig-eindeutige Antwort – wie aus der Pistole geschossen – zu geben vermag, so hat man damit doch noch nicht alle Fragen beantwortet. Ja, man hat sich nicht einmal die Sicherheit verschafft, über alle Probleme eine feste Meinung zu haben. Der Zweifel kann jede Stunde wiederkommen und die ganze Herrlichkeit einer klar umschriebenen Ansicht über den Haufen werfen. Es gibt für den freien Mann, der sich seine Gedanken macht und sie ausspricht, keine Garantie für das, was er zu denken hat – es sei denn, er verzichte auf seine Freiheit und verschriebe sich dem Kommunismus. In einem solchen Falle hätte er freilich ausgesorgt, und jede Abweichung würde ihn in die häßlichsten Schwierigkeiten bringen. In einer demokratisch organisierten Gesellschaft hingegen kann es keine absolute Treue zu den Grundsätzen einer sich bei Wahlen präsentierenden Partei geben. Wer jüngst aus voller Brust sein „Nein!“ schrie, darf heute, ohne charakterlos, zu sein, mit ebenso starker Stimme „Bravo!“ rufen.

Ein vernünftiger Mensch, der seinen Beruf hat und sich damit begnügen muß, der Politik nach Kräften zu folgen und sich über sie unterrichtet zu halten, kann sich mit dem besten Willen zu keinem Standpunkt, der alle vorkommenden Fälle deckt, verpflichten. Er kann eine politische Stellung beziehen, die seinem Wesen und seinen Lebensbedingungen in etwa entspricht, aber niemals wird er sich damit in allen Punkten befriedigt fühlen. Immer bleibt ein Rest, mit dem er nirgendwo unterkommt, ja, immer bleibt in seinem Denken etwas, für das er nur. bei der gegnerischen Partei Erfüllung finden würde. Fehlt es ihm darum an Folgerichtigkeit und Charakter? Keineswegs, es gibt für den heutigen Menschen keine völlig klare Entscheidung (außer der für die Demokratie!); immer wird die Partei, der er seine Stimme gibt und der er auch sonst „im großen und ganzen zustimmt, für ihn nicht viel mehr sein können als das kleinere Übel.

Je gefährlicher eine Partei an den Rand des demokratischen Denkens rückt, um so mehr eingeschriebene Mitglieder hat sie, oder, genauer gesagt, um so geringer ist der Unterschied zwischen der Zahl der für sie abgegebenen Stimmen und ihrer registrierten Mitgliederschaft. Sehr viele Leute mit wachem Sinn für die öffentlichen Angelegenheiten können sich überhaupt nicht vorstellen, einer Partei beizutreten und für ihren Erfolg zu wirken. Trotzdem werden sie mit Freuden der Partei, der sie um keinen Preis angehören wollen, ihre Stimme geben, weil sie ihnen nach Programm, Plänen und sozialer Atmosphäre am nächsten steht. Darin liegt nicht die mindeste Bindung, und das ist gut so, denn wir sind nicht an Parteien, sondern an Leistungen und Lösungen gebunden und suchen uns von Fall zu Fall aus, was wir brauchen. Wenn es anders wäre, bedürfte es keiner Rechtfertigung vor dem Wähler, keiner Versprechungen und keiner Argumente. Es ist freilich richtig, daß viele Deutsche sich, stärker als Mitgliedschaft dies vermöchte, durch ihr Glaubensbekenntnis oder durch ihre soziale Herkunft mit bestimmten Gruppen verknüpft fühler. Keine Partei in unserem Lande könnte es daher wagen, dem christlichen Denken Feindschaft anzusagen oder nicht von den „kleinen Leuten“ zu sprechen. Die doppelte Zauberformel des religiösen und des sozialen Respekts wird von allen Parteien gebraucht. Der Unterschied prägt sich nur in dem Augenzwinkern aus, mit dem hinzugefügt wird: „Bei uns ist der Respekt echter!“

Es ist also gar nicht so einfach, auf die Frage „Wo stehst du politisch?“ eine einschränkungslose Antwort zu geben. Ja, die Promptheit des Bekenntnisses ist nicht einmal wünschenswert. Vieles, was vor Jahrzehnten zwischen der Sozialdemokrat und den „bürgerlichen“ Parteien unüberbrückbar erschien und das Volk scheinbar hoffnungslos spaltete, ist hinweggeschmolzen wie Schnee im Frühjahr. Es ist inzwischen möglich geworden, daß der gleiche Mensch heute der CDU. und morgen der SPD recht gibt, ohne als schwankes Rohr getadelt zu werden. Jeder Schritt zur Vereinfachung des Parteienwesens – möge die klare Zweiteilung der Engländer für uns auch unerreichbar sein – führt uns auf dem Wege des echten Wählens vorwärts. Denn wählen erschöpft sich ja nicht in der brüsken Entscheidung zwischen mehreren Listen, die uns von fast anonymen Instanzen vorgelegt werden; wählen heißt auch, daß der einzelne prüft, vergleicht und sich schließlich das Passende aussucht. Angenommen, die SPD erhielte bei den rächsten Wahlen einen erheblichen Zuwachs, so würden diese neuen Stimmen ja nicht unbedingt von Leuten stammen, die „umgefallen“ oder „übergelaufen“ sind. Sie würden vielmehr dadurch zustande kommen, daß eine bestimmte Zahl von Bürgern es einmal anders versuchen will. Freilich würde der Wähler, wie bei jedem Sieg der von ihm vorgezogenen Partei, vieles in Kauf nehmen müssen, was nicht zu seinem Wesen paßt. Aber wäre er zum „Sozi“ geworden? Gewiß nicht. Man kann sehr wohl bei einer Länderwahl für die Partei X stimmen, weil sie eine zusagende Schulpolitik betreibt, und sich bei Bundestagswahlen gegen sie aussprechen, weil ihre Außenpolitik Bedenken hervorruft.

Das Mißverständnis, das sich in der Forderung an den Mitmenschen, er solle eine eindeutige politische Stellung haben, ausdrückt, geht auf Risse, ja auf Abgründe in unseren Gemeinschaftsvorstellungen überhaupt zurück. Die lockere und kritische Haltung des Prüfens und Vergleiches liegt nicht in unserem Wesen und ist daher auch nie Gegenstand unserer öffentlichen Erziehung gewesen. Das übereilte Vergnügen, dem prüfenden und daher schwankenden Zeitgenossen politische Charakterlosigkeit zuzuschreiben, läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß wir fälschlich glauben, zu der Partei, der wir einmal zugestimmt haben, eine Art von Treueverhältnis einnehmen zu müssen. Gewiß, für die wenigen Leute, die sich verdienstvollerweise der parteipolitischen Kleinarbeit widmen und dadurch an der Macht der ebenerwähnten halb anonymen Instanzen mitwirken, kurzum für tätige Parteimitglieder mag es eine Bindung dieser Art geben. Für die übrigen Bürger darf sie nicht existieren.

Parteien sind reine Zweckorganisationen, wie groß der Idealismus ihrer einzelnen Mitglieder auch sein möge. Sie sind keine „verschworene Gemeinschaft“ noch haben sie „Führer“. Man gelangt in ihre Reihen weder durch „Blutweihen“ noch durch „Gelöbnisse“, man stimmt für sie nicht etwa, weil man zu ihnen gehört und ihnen die Treue halten muß, sondern weil sie die brauchbarste Politik anbieten, die vernünftigsten Lösungen erhoffen lassen und etwas weniger entmutigend daherkommen als die übrigen Parteien. Die Anhänglichkeit, die ein Parteimitglied seiner Partei, ihren Parolen und Chefs bezeugt, ist. weder vorbildlich noch erstrebenswert. Sie ist eine reine Privatsache, die dem eigentlichen Kern der politischen Entscheidungen um nichts näherstehen sollte als unser Schwanken zwischen den Programmen, von denen keines uns voll befriedigt und von denen wir schließlich doch eines akzeptieren müssen.

Niemand kann uns also durch die Frage „Wo stehst du politisch?“ in Verlegenheit bringen, selbst wenn der eine oder andere von uns antworten müßte: „Ich weiß es nicht genau.“ Ein Deutscher, der zu einem solchen Geständnis den Mut aufbringt, ist zum mindesten kein unpolitischer Mensch. Er hat wenigstens nicht die heute so dicht befahrene Autobahn der totalen Gleichgültigkeit, der Apathie gewählt, jener Apathie, die wohl Tempo, aber kein Ziel hat. Zugegeben, daß Männer, die im Besitz einer Doktrin sind, auf alles eine Antwort wissen. Eine Lehre ist aber keine Meinung, und man darf, wenn einem die Freiheit lieb ist, in der Politik keiner Lehre folgen, sondern muß froh sein, wenn man es zu einer Meinung über die verschiedenen großen Fragen bringt, von denen unser öffentliches Leben bewegt wird. Das Eingeständnis, daß man vor Problemen, die zu Abgründen werden können, zögert und ratlos ist, dient dem Leben besser als die perfekteste Lehre, die auf die Wirklichkeit und damit auf den Menschen keine Rücksicht nimmt. Friedrich Sieburg