In der, wie der Chemiker sagt, aromatischen Gruppe der Olefine produzieren seit wenigen Tagen die Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG, Ludwigshafen/Rhein, und die Deutsche Shell AG, Hamburg, gemeinsam in Wesseling. Dort wurde vor gut 12 Monaten im Schlamm der Rheinüberschwemmung auf grüner Wiese das erste großtechnische Petrochemie-Werk der Bundesrepublik errichtet. Bauherr war die von BASF und Shell gemeinsam gegründete Rheinische Olefinwerke GmbH, Wesseling, die eine sehr übersichtliche und noch erheblich ausbaufähige Anlage zur Gewinnung von Polyaethylen und Aethylbenzol im Hochdruckverfahren mit einem Kostenaufwand von rund 70 Mill. DM auf die Beine stellte. Heute arbeiten 450 Menschen dort und beginnen eine Jahresproduktion von 10 000 Polyaethylen und etwa 12000 t Aethylbenzol, was einem Umsatzwert von etwa 70 Mill. DM entspricht.

Die Petrochem1e ist In der Bundesrepublik noch ziemlich unbekannt. Sie ist jene Chemie, die Erdöl und Erdgas nicht als Brennstoff, sondern als Rohstoff einsetzt und daraus neue chemische Produkte, meist auf dem Gebiete der Kunststoffe, hervorzaubert. Im Grunde genommen aber ist die Petrochemie nur eine Fortführung der Kohlechemie, wobei die chemische Ausgangsbasis bereits um ein bis zwei Verarbeitungs- oder Veredelungsstufen „höher“ (d. h. näher am Endprodukt) liegt, als wenn man Kohle als Rohstoff einsetzt. Vor 50 Jahren begann die Gewinnung der ersten vollsynthetischen Kunststoffe. Heute gibt es schon fast 100 verschiedene Kunststofftypen. Sie erobern sich immer neue Märkte, weil die Reihenfolge ihrer hochwertigen Vorteile und ihrer weniger wichtigen Vorteile immer wieder eine andere ist und mit jeder neuen chemischen Verbindung neue Verwendungsgebiete erschlossen werden.

Die Zusammenarbeit von BASF und Shell entsprang einer Initiative des ehemaligen IG-Werkes in Ludwigshafen. Dort stellt man schon seit über 15 Jahren Polyaethylen unter dem Warennamen Lupolen H her – eine Abkürzung aus Ludwigshafener Poly-Aethylen –, allerdings auf der Basis Kohle, die z. B. aus der werkseigenen Zeche Auguste Victoria bei Marl kam. Aber das „Victorianische Zeitalter des Polyaethylens“ ist nun in Deutschland gebrochen. Neben die Kohlechemie tritt die Petrochemie, und damit beginnt eine grundsätzlich neue Entwicklung der chemischen Produktion.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß auch die Farbenfabriken Bayer seit einigen Monaten Rohöle beziehen und auf dem Gebiete der Petrochemie erfolgreich zu arbeiten angefangen haben. Die Fachkreise dieser für Deutschland jungen Industrie sind sehr optimistisch. Sie verweisen auf die Entwicklung in den Vereinigten Staaten, in denen heute schon 50 v. H. der Produktion an organischen Chemikalien aus der Verarbeitung von Erdöl und Erdgas hergestellt werden. Dort stammen 8 Millionen t Chemieerzeugnisse aus der Erdölchemie gegen rund 700 000 t in ganz Europa und wahrscheinlich noch keine 50 000 t in der Bundesrepublik. Es war weiterhin zu hören, daß die chemischen Produkte der Erdölchemie oder der Petrochemie billiger sein werden als die der Kohlechemie. Selbst das an sich durch hohe Investitionen im Preis belastete Polyaethylen aus dem Hochdruckverfahren der BASF wäre zur Zeit etwas billiger als das im Niederdruck verfahren gewonnene gleiche Produkt. Der Preis stellt sich auf etwa 4,50 DM je kg. Aus einem solchen Kilogramm Kunststoff der Polyaethylen-Gruppe kann z. B. genau soviel Rohrlänge hergestellt werden wie aus etwa 7 kg Stahl. Schmiegsame Rohre, Isoliermaterial für Kabel, stoßfeste, da elastische Flaschen und Behälter, Waschschüsseln, Hausgerät und tausend Dinge des industriellen und privaten Verbrauchs stehen der Verwendung dieser Kunststoffe offen.

In Wesseling werden die bisher zur Unterfeuerung von Kesseln verwendeten (und vergeudeten) chemisch wertvollen Raffineriegase aus der Rohölverarbeitung der Shell (die in den Anlagen der Union Rheinische Braunkohlen-Kraftstoff AG vor sich geht) nunmehr zu der nachbarlichen Olefinwerke GmbH herübergeleitet und zu wertvollen neuen Produkten verarbeitet. Damit hat die Zusammenarbeit zwischen Chemie und Mineralölindustrie einen ganz neuen und zukunftweisenden Auftrieb erhalten. Rlt.