Toronto, im Oktober

Kanada mit seinen mannigfachen Bodenschätzen und seinen vielen übrigen Rohmaterialien ist an sich der natürliche Lieferant der USA und der gegebene Abnehmer für die Erzeugnisse der amerikanischen Fabriken. Gegenüber den Vorteilen, die von diesem Standpunkt aus in der geographischen Lage des Landes zu sehen sind, hat man aber in kanadischen politischen Kreisen die Gefahren nicht unterschätzt, die sich für die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes aus einer allzu weitgehenden Konzentration auf die USA als Abnehmer und als Lieferant ergeben könnten. Man hat sich bemüht, der Ausfuhr des Landes möglichst zahlreiche Absatzmärkte zu erschließen, und von prominenter Regierungsstelle ist schon vor längerer Zeit auf die hier bestehenden Notwendigkeiten mit aller Klarheit verwiesen worden.

Trotz aller Bemühungen der beteiligten Kreise zur Schaffung zusätzlicher Absatzmärkte war es unvermeidlich, daß im vorigen Jahre auch die kanadische Wirtschaft von den Auswirkungen der rückläufigen Entwicklung in den USA betroffen wurde: nach den Staaten geht nun einmal der größere Teil der kanadischen Ausfuhr. Daneben wirkte sich die Kürzung der Rüstungsaufträge aus, erhebliche Produktionseinschränkungen erfolgten vor allem in den Metall verarbeitenden Industrien; und in Kanada, wie auch anderwärts, folgte einer während der ersten Monate des vorigen Jahres zu weit gegangenen Auffüllung der Lager eine empfindliche Einschränkung des Produktionsvolumens in den Sommer- und Herbstmonaten. In Anbetracht der Übersättigung der Weltmärkte ging die Getreideausfuhr (besonders die Weizenausfuhr) zurück, die Nachfrage des Auslandes nach Stahl und nach elektrotechnischen Erzeugnissen verringerte sich, und die Gesamtausfuhr des Landes betrug nur 94 v. H. von der in 1953.

Beunruhigt wurde man vor allem durch die starke Zunahme der Arbeitslosigkeit, die sich aus der Schrumpfung des Produktionsvolumens ergeben hatte. Sie erreichte erst im März d. J. ihren Höhepunkt. Damals gab es 401 000 Arbeitssuchende im Lande, eine Zahl, die während der letzten zehn Jahre nicht erreicht worden war und die um etwa 25 v. H. über der vom März 1954 lag. Die Regierung ergriff zum Zwecke der Wirtschaftsankurbelung und der Schaffung zusätzlicher Arbeitsgelegenheit eine Reihe finanzpolitischer und kreditpolitischer Maßnahmen, die sich als erfolgreich erwiesen haben und die unter den obwaltenden Verhältnissen als besonders mutig gelten müssen.

Lange Zeit hindurch hatten die kanadischer Etatsjahre mit Überschüssen abgeschlossen, für das Etatsjahr 1954/55 ergab sich jedoch ein Defizit von 148 Mill. Man hatte ursprünglich wiederum mit einem Überschuß gerechnet, aber auf Grund der rückläufigen Wirtschaftsentwicklung waren die Steuereingänge hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und das daraus resultierende Defizit konnte auch durch Einschränkung der öffentlichen Ausgaben nur teilweise ausgeglichen werden. In dieser Lage entschloß sich die Regierung, eine Steuersenkung vorzunehmen. Zu 75 v. H. kam sie den Einzelpersonen zugute, deren Einkommensteuer in der Mehrzahl der Fälle um 12 v. H. gesenkt wurde, aber auch die Verbrauchssteuern und die von den Gesellschaften zu zahlenden Steuern wurden ermäßigt. Man schätzte, daß diese Maßnahmen die Finanzverwaltung insgesamt etwa 200 Mill. $ kosten würden. Entsprechend sah denn auch das Budget für 1955/56, das dem Parlament im April vorgelegt wurde, einen Fehlbetrag von etwa 160 Mill. $ vor, d. h. von knapp 4 v. H. der erwarteten Einnahmen. Die Regierung war von dem Erfolg ihrer Maßnahmen offenbar von vornherein überzeugt, denn bei Vorlage des Budgets erklärte der Finanzminister, daß man für 1955 mit einem Brutto-Sozialprodukt von 25 1/4 Mrd. $ rechnet. Es hatte 1953 rd. 24,4 und 1954 etwa 24 Mrd. $ betragen.

Bereits im Februar war die Diskontrate der Bank of Canada, die seit Oktober 1950 auf 2 v. H. gehalten worden war, auf 1 1/2 v. H. herabgesetzt worden. Im Mai wurden weiterhin die Hypothekenkredite verbilligt, wovon man sich eine besondere Ankurbelung der für die kanadische Volkswirtschaft so wichtigen Bauindustrie versprach. Alle diese Maßnahmen, die in der Zwischenzeit die beabsichtigten Erfolge hatten, waren um so bemerkenswerter, als sie zu einer Zeit erfolgten, zu der die Zinssätze in den USA anzogen. Notwendigerweise mußten sie daher zu einem Rückgang des Interesses amerikanischer Anlegerkreise an kanadischen festverzinslichen Werten führen, und alsbald verringerte sich dann auch das Agio, das der kanadische Dollar gegenüber dem amerikanischen solange gehabt hatte. Heute liegt es so, daß die Effektivverzinsung einer repräsentativen kanadischen Regierungsanleihe, die vor einem Jahr noch 3,09 v. H. betragen hatte, bei 2,87 v. H. liegt, während eine amerikanische Anleihe, die sich im vorigen Jahre mit 2,44 v. H. verzinst hatte, heute einen Ertrag von 2,75 v. H. bringt. Im ersten Halbjahr 1955 wurden für 131 Mill. $ festverzinsliche kanadische Werte aus ausländischem, vorwiegend amerikanischen Besitz wieder in kanadischen übergeführt, während in der Vergleichszeit v. J. für 5 Mill. $ solche Werte vom Ausland gekauft worden waren. Kanadische Aktien sind allerdings nie so stark vom Ausland erworben worden, wie in diesem Jahre: für 109 Mill. $, d. h. mehr als doppelt so viel, wie im ersten Halbjahr 1954 wurden von Januar bis Juni d. J. von ausländischen Finanzkreisen gekauft.

Die Maßnahmen der Regierung haben den erhofften Erfolg einer weitgehenden Wirtschaftsbelebung schnell herbeigeführt, und die Zahl der Arbeitsuchenden, die im März 401 000 betragen hatte, war schon um Mitte Mai auf 213 000 zurückgegangen. Vor großer Bedeutung für die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Vertrauens und für die Überwindung der Stagnation war selbstverständlich auch die anhaltende gute Konjunktur in den USA. Amerikanische Aufträge haben zu einer Verstärkung der Nachfrage nach Metallen, nach Zeitungspapier und in der Holzindustrie geführt.