/ Von Anna Haag

Es war in den Städtischen Anlagen. Auf der Bank hinter meinem Rücken, getrennt durch Buschwerk, saßen zwei offenbar ältere Frauen. Die eine schien freudig erregt. Sie sagte: „Ha, ha! Hat sich was mit ‚Oma‘! Denken Sie: Kommt da letzte Woche meine Schwiegertochter, und was sagt sie? ‚Hör mal, Oma‘, sagt sie, „ich habe eine Bitte, eine Riesenbitte!’ Wenn ich den kleinen Kurt einen halben Tag nehmen würde und vielleicht hie und da mal was fürs Abendbrot vorbereiten ..., dann könnte sie einen halben Tag arbeiten gehen und das dazuverdienen, was eigentlich immer fehle, im den Haushalt endlich zu vervollständigen.“ „Ja“, sagte die andere darauf, „das Alter steigt im Kurt!“

Dieses Gespräch der beiden Großmütter stimmte mich nachdenklich. Die Schlagzeilen der Zeitungen kamen mir in den Sinn: „Arbeitermangel!“ – „Vollbeschäftigung!“ – „Kopfprämien!“ (die Anstrengungen der Firmen also, einander durch „Sonderangebote“ Arbeitskräfte wegzuschnappen) – „Erneuter Produktionsanstieg“. Ob diese Großmütter da wohl Einzelfälle sind? Oder ob der Sog der Wirtschaft tatsächlich so stark ist, daß er sogar „Omas“ im allgemeinen mit einbezieht, weil das Alter der arbeitfindenden Frauen durch diese Entwicklung erheblich hinauf gesezt worden ist? Wie war es wohl mit den Frauen, die bislang vergeblich versucht hatten, sich in den Arbeitsprozeß einzuschalten, bei ihrer Bewerbung vom Arbeitgeber als „zu alt“ abgelehnt worden waren? „Zu alt“ waren in der Vorstellung der Firmen bislang Frauen gewesen, die über dreißig waren. Unter einer „jungen Kraft“ wurden solche im Alter von achtzehn bis zweiundzwanzig verstanden.

Ich ging zum Landesarbeitsamt, um zu hören, ob der Begriff des „Alters“ oder der „Jugend“, der Not der Zeit gehorchend, sich auch für die Arbeitgeber gewandelt habe.

Die Tatsachen, die ich auf dem Arbeitsamt erfuhr, zeigen, daß tatsächlich nicht nur die Großmütter zu Hause im Kurse steigen, sondern daß das Lebensalter für die, die sich mit sicherer Aussicht auf Erfolg um eine Anstellung bewerben können, auf fündunddreißig hinaufgeklettert ist. Zwar, so wurde mir gesagt, verlaufen die telephonischen Gespräche zwischen Arbeitgeber und Arbeitsvermitlung noch immer ungefähr in folgender Weise: „Senden Sie mir eine junge Kraft, zwischen achtzehn und zweiundzwanzig.“ Und (falls es sich um Büroangestellte handelt) „keinen Zimmerschreck, bitte! Nett zum Anschauen, ja? Freundlich! Keinen Sauertopf! Sie wissen schon, worauf ich Wert lege...“

Natürlich „weiß“ das Arbeitsamt, wie die äußere Beschaffenheit der Gesuchten etwa sein soll. Es weiß auch um die gewünschten beruflichen Qualitäten. Da aber besagter „Sog“ der Wirtschaft bereits alles schon aufgesaugt hat, was Jugend, Aussehen und berufliche Tüchtigkeit in einer Person vereinigt, gelingt es dem Arbeitsamt heute in der Regel, auch Ältere zu vermitteln. „Älter“ sind in diesem Fall Frauen von fünfunddreißig bis vierzig. Die Vorzüge solcher Arbeitskräfte werden bei derartigen Vermittlungsversuchen seitens des Arbeitsamtes natürlich gebührend hervorgehoben: vermutlich keine kleinen Kinder mehr, infolgedessen Wegfall der Wochenhilfe, weniger Arbeitsausfall, größere Umsicht – und zuverlässiger.

Der Erfolg dieser Anstrengungen ist meistens sicher, und zwar schon aus dem einen Grunde, weil die Stelle sonst unbesetzt bleiben müßte. Selbstverständlich, so sagte mir die Leiterin des Arbeitsamtes, gebe es gewisse Zweige in der Industrie, in der Feinmechanik etwa, wo in der Tat nur junge Kräfte eingestellt werden können, weil nur sie über die notwendige Sehkraft und die ruhigen Hände verfügen, die für diese Arbeiten notwendig sind. Verhältnismäßig leicht aber zu vermitteln seien alle „älteren“ Frauen, die etwas gelernt, haben, handle es sich um Facharbeiterinnen irgendwelcher Art, um Handwerkerinnen, um Schneiderinnen, Modistinnen oder Bürokräfte. Erst dieser Tage sei es gelungen, eine 58jährige Frau, eine Pelznäherin zu vermitteln. Oft entwickle sich aus der Vermittlung als Aushilfe in einem Betrieb eine Dauerstellung. Im Juli wurden z. B. vom Landesarbeitsamt Stuttgart 87 über vierzig Jahre alte Frauen vermittelt, siebzig davon waren über fünfundvierzig.