Von Joseph Scholmer

Fünfzehn Millionen Menschen fristen in der Sowjetunion ihr Leben in Lagern, Strafgefangene der Form nach, in Wahrheit aber die Arbeitssklaven, von deren Ausbeutung das Regime lebt. Er ist ein bedeutsamer Teil der arbeitenden Bevölkerung, ein fünfter Stand, der wahrhaft „nichts zu verlieren hat als seine Ketten“. Entfacht durch das Beispiel des 17. Juni 1953 habendiese Menschen unter blutigen Opfern einen „organisierten Klassenkampf“ gegen ihre Bedrücker durchgeführt. Es kam zu Streiks, die mit Massakern, aber auch mit Zugeständnissen des Regimes enceten. Viele Gefangene wurden 1954 und 195 – „entlassen und zwangsangesiedelt. Werden die Spannungen sich mit der „Verbürgerlichung“ in Rußland mildern? Oder wird die revolutionäre Kraft, die Marx der unterdrückten Klasse zuschrieb, sich schließlich gegen das bolschewistische Regime selber kehren? Der deutsche Arzt, Dr. Joseph Scholmer, der selbst viele Jahre im Lager Workuta am Nördlichen Eismeer verbrachte (sein Buch „Die Toten kehren zurück“ hat Aufsehen erregt), gibt aufschlußreichen Bericht.

Es gibt heute nur zwei Gremien, die eine exakte Kenntnis über den Umfang und den Charakter der inneren Opposition in der UdSSR haben: einerseits die Geheimpolizei (MWD), andererseits die Belegschaft der Lager selbst. Die Gruppen, aus denen sie sich zusammensetzt, ergeben insgesamt ein vollkommenes Mosaik dieser Opposition: Bauern, Arbeiter, nationale Gruppen und eine Elite der sowjetischen Intelligenz aller Disziplinien, Lehrer, Ärzte, Juristen, Professoren und Studenten aller Fakultäten, Parteifunktionäre aller Grade, Offiziere bis zum General. Da der Zustrom Neuverhafteter nie abreißt, sind die Gefangenen auch über die neuen Vorkommnisse der sowjetischen Politik stets gut unterrichtet.

Die Gesamtzahl der Gefangenen in den sowjetischen Straflagern beträgt heute rund 15 Millionen. In diesen Lagern, die einen Staat im Staate bilden, arbeiten zahlreiche Widerstandsgruppen, vergleichbar den Illegalen in den Konzentrationslagern Hitlers. Für die Moral sind sie ein Faktor von außerordentlichem Einfluß. (Es gibt unter den Gefangenen, die fast ausschließlich zu lebenslanger Haft verurteilt sind, auffallend wenig Selbstmorde.) Nachrichtensendungen westlicher Rundfunkstationen gelangen durch illegale Kanäle zur Kenntnis der Gefangenen. Die Widerstandsgruppen führen sogar eine Zersetzungsarbeit unter den Bewachungstruppen durch, von denen sicher ist, daß sie im Falle einer Auseinandersetzung zum Teil auf Seiten der Gefangenen stehen würden. Selbst für den Fall eines Krieges haben die Gefangenen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Vorbereitungen getroffen.

Die Auffassungen der oppositionellen Intelligenz der Sowjetunion zur Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Kommunismus lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Das unveränderte Ziel der Politik des Kreml auch nach dem Tode Stalins ist die Unterwerfung der freien Welt unter den Kommunismus. Diesem Ziel dient der unverminderte Aufbau einer gigantischen Rüstung.

2. Ko-Existenz und Entspannung sind taktische Manöver, um eine Atempause zu gewinnen für eine innenpolitische Konsolidierung und die Schaffung der endgültigen militärischen und industriellen Überlegenheit des Ostens über den Westen. Sobald sie erreicht ist, wird die Ko-Existenz von einer neuen offensiven Phase abgelöst.