Evangelische Rechenschaft und Selbstkritik in Bad Boll und auf der Tagung der Akademiker in Kassel

Bad Boll, Anfang Oktober

Wenige Minuten, bevor der Wagen des Bundespräsidenten auf dem geräumigen Parkplatz vor dem neuen, weitläufigen Hause der Evangelischen Akademie in Bad Boll vorfuhr, hatten drinnen die Handwerker den letzten Schlag getan und das letzte Gerüst abgeräumt. Die hundert neuen Fremdenzimmer brauchten nicht lange auf Gäste zu warten. Denn der zehnte Jahrestag der Gründung, der Einweihungstag des klösterlich vornehmen Gebäudes war zugleich der erste einer Tagung, deren Gesamtthema Der deutsche Weg schon erkenren ließ, daß man nicht weniger und nicht mehr sich vorgenommen hatte, als in Rundgesprächen dem heutigen Deutschland – ganz „global“, wie Theodor Heuss sagte –, die Diagnose zu stellen. Eine Generalbesinnung sozusagen.

Der Bundespräsident eröffnete die Reihe der Gespräche – nicht theoretisch analysierend, sondern, wie es seine Art ist, aus persönlicher Erfahrung berichtend, abwägend, skizzierend. Er nahm die wirtschaftliche Tapferkeit in der Bundesrepublik gegen Nimbus und Spott der Rede vom „Wirtschaftswunder“ in Schutz. Er grenzte sich – was an dieser Stätte nicht ohne Pikanterie war –, recht dezidiert gegen alle jene evangelischen Theologen ab, die im Namen des Evangeliums eine bestimmte politische Entscheidung, etwa die für die Neutralität zwischen Westen und Osten, als die einzig christliche ausgeben. „Ich lehne es ab, mich über Demokratie von Leuten belehren zu lassen, die bis 1933 niemals in dem Verdacht demokritischer Auffassungen gestanden haben.“ In dem großen, hellen Tagungssaal war wohl niemand, der nicht sogleich verstanden hätte: dieser Satz war an die Adresse Niemöllers gerichtet.

Es konnte nicht ausbleiben, daß man Theodor Heuss dann im Gespräch nach seinen Erwartungen für die Zukunft fragte. Etwa nach der Möglichkeit, bei der Jugend in der Bundesrepublik, die doch im ganzen genommen zu sehr auf berufliche Tüchtigkeit bedacht sei und bei ihrem tiefen Verdicht gegen alles Ideologische nicht über das „Vordergründige“ hinauskomme, ein Traditionsgefühl zu wecken, das den „inneren Hohlraum“ ausfüllen könne. Der Bundespräsident zögerte ein wenig mit der Antwort, dann sagte er lächelnd: „Ich weiß nicht recht – ich habe auf diesem Gebiet zwei Niederlagen einstecken müssen, die ich aber mit Fassung trage. Die erste war mein Vorschlag einer neuen Nationalhymne. Der fiel ins Wasser, als Kurt Schumacher die Verse von Schröder als säkularisierten schwäbischen Pietismus’ erklärte. Die zweite Niederlage erlitt ich bei einer Unterhaltung mit den Vertretern der studentischen Korporationen. Ich sagte ihnen, mir schiene das Mensurschlagen und das ‚In-die-Kanne-Steigen‘ unter den heutigen Umständen widerwärtig, weil es zur Aufrichtung eines Ehrenkodex mit Klassencharakter führe. Aber es war vergeblich...“ Immerhin, fuhr er fort, sei doch zu hoffen, daß das Bild der deutschen und besonders auch das der preußischen Geschichte sich nun wieder ohne Schmähungen und Ungerechtigkeiten werde darstellen lassen.

Der Mensch macht die Umstände

Nach den vorfühlenden, von urbaner Gelassenheit erfüllten Gesprächen des ersten Tages folgten zwei Tage der scharfen, ja rigorosen Selbstprüfung. Heinrich Weinstock, der Frankfurter Sozialpädagoge, beschrieb die gegenwärtige Situation als den Bankerott des Glaubens an die Vernunft, der in den letzten hundert Jahren von der falschen Voraussetzung aus operiert habe, daß die Herstellung vernünftiger und gerechter Ordnungen auch ohne weiteres, sozusagen automatisch, den Menschen wieder in Ordnung bringen werde. Jetzt räche sich die Ausklammerung des Menschen und die Nichtbeachtung der Wahrheit, die Weinstock in den Kernsatz faßte: „Die Umstände machen zwar den Menschen, aber der Mensch macht die Umstände.“ Die Mechanisierung, die technische Welt in ihrer Herrschaft über den Menschen, und die Egalisierung, der zunehmende Persönlichkeitsverlust, sind, so sagte Weinstock, „sozusagen eineiige Zwillinge aus dem Samen jenes selbstherrlichen Rationalismus, der sich zutraute, die Welt und mit ihr den Menschen vollkommen zur Vernunft und ganz in Ordnung zu bringen.“