Von Wolfgang Krüger

Nach einem Wort von Martin Buber ist das Problem des Menschen „erst jetzt zu seiner Reife gekommen“. Auf jeden Fall ist die Frage, was der Mensch ist, heute neu gestellt, und zwar in einem radikalen Sinne.

Für die Neuzeit ist der Mensch das absolut vernünftige Wesen, begabt und dazu ausersehen, aus der Selbstherrlichkeit seines Geistes die Welt und sich selbst in Ordnung zu bringen. Noch das 18. Jahrhundert war aufs tiefste davon überzeugt, daß Vernunft, Wahrheit und Menschlichkeit im Fortschritt der Zeiten immer reiner zu verwirklichen seien. Das 19. Jahrhundert, in seinem Glauben an die Möglichkeit der Lösung aller Welträtsel hochgepeitscht durch die triumphalen Erfolge der Naturwissenschaften, schien diesen Überzeugungen recht zu geben. Aber schon damals meldeten sich dieStimmen des Zweifels. Und heute, nachdem in zwei Weltkriegen der Humanismus abgestürzt ist, wissen wir, daß uns dieser Glaube an die Allmacht des Geistes in eine Sackgasse geführt hat – nicht in die Freiheit, sondern in die Unfreiheit, nicht in die Menschlichkeit, sondern in die Unmenschlichkeit. Was ist geschehen, und was ist zu tun? Ein neues Buch von

Heinrich Weinstock: „Realer Humanismus, eine Ausschau nach Möglichkeiten seiner Verwirklichung“; Verlag Quelle & Meyer, Heidelberg, 146 Seiten, Leinen, 11,– DM,

gibt eine Antwort, oder richtiger (in der sich bescheidenden Diktion des Verfassers gesprochen), hält Umschau nach den Chancen der Umkehr auf einem Wege, der „nicht in den Himmel, sondern geradewegs in die Hölle führt“; Weinstocks Gegenstand ist wieder, wie schon in seinen vorhergegangenen Büchern („Die Tragödie des Humanismus“ und „Arbeit und Bildung“) der Humanismus, also jene machtvolle Geistesströmung, die wie keine andere von Beginn der Neuzeit an die Säkularisation gefördert und getragen hat. Und das ist seine These: dieser Humanismus, der den Träger des Staates, also den Menschen, „zum Maß aller Dinge macht, auch der göttlichen, mußte mit unabänderlicher Notwendigkeit den menschenfressenden Leviathan, den totalen Staat des mechanischen Apparats und des gemanagten Kollektivs hervorbringen.“ Dieser überlieferte und selbstbewußte Humanismus, der absolute Ordnung zu machen sich zutraut und der der Grundgefahr der Hybris, der Verblendung und der Vermessenheit, verfallen ist, muß durch einen „grenzbewußten“, „realistischen“ Humanismus ersetzt und durch ein Menschenbild überwunden werden, das die wahre Wirklichkeit des Menschen in seiner „Gebrochenheit“, in dem „unausgleichbaren Gegensatz“ erfaßt.

Man darf Weinstock auch in diesem seinem jüngsten Buch nicht mißverstehen. Er ist ein leidenschaftlicher Kritiker der überkommenen humanistischen Traditionen – weil er Humanist ist, weil er durch sie das eigentliche und wahre humanistische Anliegen, die „Menschwerdung des Menschen“, verraten und in höchste Gefahr gebracht sieht. Sein Buch ist auch nicht eine romantische Absage an Wissenschaft, Technik und Zivilisation, an die modernen Errungenschaften von Rationalisierung und Mechanisierung, die dem humanistischen Vertrauen auf die Kraft des Geistes zu danken sind. Die Technik ist auch für Weinstock eine der größten Leistungen des Menschengeistes, die „höher und immer höher zu entwickeln uns aufgegeben ist“. Weinstock wendet sich lediglich gegen die Vergötzung des technischen Fortschritts, also gegen den Glauben, daß er den Menschen aus aller Bedrängnis erlöst und das Unterpfand allen Glücks ist.

Weinstock geht es also nicht um ein Entweder-Oder, dafür aber ganz und gar um das Sowohl-Als auch, um die Einsicht in die Begrenztheit allen menschlichen Bemühens. Der Mensch ist für Weinstock, ganz im Sinne der griechischen Tragödie, das „animal tragicum“, er ist für ihn das Wesen, das gleichzeitig und immer in zwei Dimensionen angesiedelt ist, von denen nur die eine der Vernunft und ihren Errechnungen zugänglich ist. Diese Vernunft und ihre Räson absolut setzen, heißt – nicht im moralischen, sondern in einem letzten und metaphysischen Verstände – schuldig werden, wie Sophokles den König Kreon gegenüber Antigone schuldig werden ließ.