Eine armselige kleine Stadt in Venezien, ein verfallener Palazzo mit Ratten, armen Leuten und alten Jungfern, die gegeneinander und gegen die Gesellschaft der Bessergestellten Intrigen und Diebstähle planen, die Gestalt des Duce als Verkörperung altrömischer Manneskraft und als allweihnachtlicher Spender von Gratishosen und -schuhen – das ist die Welt, in der der Roman spielt:

Goffredo Parise: Der schöne Priester, Stahlberg Verlag, Karlsruhe, 325 Seiten, 12,80 DM.

In diese makabre Welt tritt der „schöne Priester“. Seine Eitelkeit und sein egozentrisches Wesen lassen ihn nicht erkennen, daß hier eine Aufgabe auf ihn wartet. Durch ihn gerät der Palast in Aufruhr und noch größere Unordnung. Die alten Jungfern bespitzeln sich gegenseitig und gemeinsam Don Gastone in brennender Eifersucht. Die Straßenjungen Cena und Sergio, die zehnjährigen Helden des Romans, ständig getrieben vom Hunger und von der Sehnsucht nach einem Rennrad, leisten den Jungfern und der lieblichen Fedora, der Geliebten des Priesters, Kuppler- und Spionsdienste. Und dann geschieht ein Mord. Bei einem mißglückten Raubüberfall ersticht Cena einen Polizisten. Er kommt in die Besserungsanstalt in Venedig, entflieht wieder und gerät auf der Flucht unter ein Auto. Sein Tod ist das Ende des mit viel Verve geschriebenen Romans, der sich auf geschickte. Weise der vor jeglicher Erkenntnis des Unterschieds zwischen Gut und Böse stehenden Helden bedient, um im Verlauf der Handlung und in den Aktionen und Reaktionen der Personen einer moralischen Entscheidung legal aus dem Wege gehen zu können. Parises Kinder haben nichts von der unverletzbaren Reinheit der Bettelkinder von Dickens. Es findet kein Kampf um sie, als Verkörperung der Unschuld, statt, der Mord ist nicht der Sieg des Bösen, sondern ein in instinkthafter Abwehr verursachter Unfall. Es scheint dem noch sehr jungen Autor um nichts anderes gegangen zu sein, als um ein realistisches Abbild der Wirklichkeit. Es ist nur die Frage, ob selbst ein Unterhaltungsroman allein mit dem gelungenen photographischen Bild auskommt. Eine Katastrophe ohne Konflikt mit dem sittlichen Gesetz ist keine Tragödie, sondern eine traurige Geschichte. sy