Max braucht Schrauben“, verkündet eine Anzeige in den Zeitungen der Sowjetzone. Nähere Angaben fehlen. Nur ein kleines Ungetüm, Kreuzung zwischen Frosch und Maikäfer, ist noch in das Inserat gezeichnet, ein Wesen mit zwei dünnen Beinchen und weit geöffnetem Maul, den Prosagandatieren Kohlenklau und Groschengrab inseligen Andenkens nahe verwandt. „Keinen Schrott verschenken – an Max denken“, steht auch im einem Abfallkasten am Berliner Alexanderplatz zu lesen. Jedes Kind in der Sowjetzone weiß, ver „Max“ ist: die Maximilianshütte in Unterwellenborn bei Saalfeld, eines der größten Industriewerke zwischen Elbe und Oder.

Wer ein Interesse daran hat, kann sich ständig über die Leistungen von „Max“ und seinen Arbeitern unterrichten; das sowjetdeutsche Regime bemüht sich nach Kräften, die Pläne und Unternehmen seiner Industrie zu popularisieren. „Lieber Plan, lieber Plan, was hast du für uns getan?“, lautet ein Abzählreim für die Kleinen, und die Zeitungen der Großen lesen sich mitunter wie die Fachblätter der eisenverarbeitenden Industrie. Lieblingskinder der publizistischen Aufmerksamkeit sind die großen Werke in Riesa, Hettstedt, Calbe und Unterwellenborn, und das Wachsen neuer Zentren wird gewissenhaft verfolgt. Vom ersten Spatenstich bis zur Eröffnung des neusten HO-Cafés wurde über die Entstehung des Eisenhüttenkombinats Ost bei Fürstenberg an der Oder berichtet.

Die dirigierte Popularität des „EKO“, das inzwischen in „J. W. Stalin“ umgetauft wurde und der mit ihr verbundenen Wohnstadt den Nanen Stalinstadt gab, erhält jetzt einen Rivalen in der parteiamtlichen Gunst: das Kokskombinat „Schwarze Pumpe mit dessen Bau kürzlich begonnen wurde. Noch enden die Gleisanlagen für die ersten Bauarbeiten auf den Kartoffeläckern der Lausitzer Heide, und an der Stelle des künftigen Hauptportals werden gerade die ersten Waldstreifen gerodet. Aber die Vision der kommenden Industrielandschaft, die das spärlich besiedelte Gelände zwischen Spremberg und Hoyerswerda umgestalten soll, zeichnet sich in den Zeitungen doch schon deutlich ab und beflügelt die Barden der künftigen Riesenstadt zu der kühnen Prophezeiung: „Wovon die Schatzgräber träumten, die in Kalifornien nach goldenen Bergen suchten, das wird den Kumpeln der ‚Schwarzen Pumpe‘ beschieden sein, wenn sie ihr erstes Produktionssoll erfüllt haben!“

Die „Schwarze Pumpe“, die das größte europäische Kokskombinat auf Braunkohlenbasis werden soll, ist das wichtigste Industrievorhaben im zweiten Fünfjahresplan. Lag der Schwerpunkt des ersten Fünf jahresplanes auf dem Auf- und Ausbau der Hütten- und Walzwerke, so steht jetzt die Entwicklung der Brennstoffindustrie im Vordergrund. Zwar ist die Sowjetzone bereits der größte Braunkohlenproduzent der Welt, mit einer Jahresförderung von 200 Mill. t; doch der vorjährige Parteitag der SED tadelte das „Zurückbleiben der Brennstoff- und Energiebasis“ hinter den Erfordernissen der Wirtschaft, und am 24. Juni 1954 beschloß der Ministerrat einen Perspektivplan zur Entwicklung der Braunkohlenindustrie, der die Verarbeitung der Rohbraunkohle zu veredelten Brennstoffen, wie Koks und Gas, bereits am Ort der Gewinnung vorsieht. Wichtige Ausgangsrohstoffe für die Weiterverarbeitung in der chemischen Industrie, wie Phenol und Teer, sollten gleichzeitig gewonnen werden.

Das Stichwort zum Aufbau des Kombinats „Schwarze Pumpe“ fiel vor wenigen Wochen in einer Sitzung des Ministerrat-Präsidiums. Als Investitionsvorhaben des Ministeriums für Schwerindustrie wird der Aufbau mit 1,1 Mrd. DM-Ost dotiert. Für die Anlage wurde das Senftenberger Revier im Bezirk Cottbus gewählt, weil die hier lagernde Braunkohle – die Vorräte werden auf dreißig Mrd. t geschätzt – im Gegensatz zur Bornaer und Hallenser Kohle zur Verkokung am besten geeignet ist. Vorgesehen ist eine Bauzeit in drei Etappen, die 1964 abgeschlossen sein soll. Jede Etappe muß ein in sich geschlossenes Teilkombinat fertigstellen, das aus je einer Brikettfabrik, einer Kokerei und einem Kraftwerk bestehen wird. Zwölftausend Arbeitskräfte sollen in dem Kombinat beschäftigt werden und in einer Wohnstadt wohnen, die man in den Außenbezirken von Hoyerswerda, am Ufer der Schwarzen Elster, erbauen will. Die ersten Architektenkollektivs der Sowjetzone, die bereits am Aufbau der Ostberliner Stalinallee beteiligt waren, sind mit der Planung dieser auf 26 000 Einwohner berechneten Großsiedlung beauftragt worden.

Vor wenigen Wochen hat der Minister für Schwerindustrie, Fritz Selbmann, den Baubeginn am Kombinat „Schwarze Pumpe“ eröffnet. Statt mit symbolträchtigem Spaten zu hantieren, bestieg er eine sowjetische Planierraupe und fuhr damit unter den Klängen der Nationalhymne durch die provisorisch errichtete Eingangspforte auf die fast vier Kilometer lange künftige Werkstraße ein. In seiner Festansprache gab Selbmann einige Zahlen über die vorgesehene Produktion des Kombinats bekannt: 32,8 Mill. t Braunkohle sollen jährlich verarbeitet werden. Der Gewinn von 2,5 Mill. t Koks, 3,5 Mrd. Kubikmeter Gas, 476 Megawatt elektrischer Energie, 75 000 t Mittelöl ist geplant. In den begeisterten Kommentaren der Parteipresse werden diese Zahlen bereits in lockende Produkte für den täglichen Konsum umgesetzt, der von dem Senftenberger Riesenkombinat auf direktem Wege profitieren soll: „Von der duftenden Seife bis zur leuchtenden Ansteckblume, vom heißen Rasierwasserspender bis zum schimmernden Tafelkerzenleuchter, von der farbfrohen Frühstücksbutterdose bis zur bezaubernden Langspielschallplatte ...“ Der Traum von der Märchenstadt der Industrie – soviel ist sicher – wird in den kommenden Jahren mit ständig neuen, zärtlichen Details belebt werden – ein Traum, der die rauhe Wirklichkeit von Normenzwang und Übersoll vergessen machen soll, aber nicht wird. Sabina Lietzmann