Von Willy Wenzke

Der seit langem vorbereitete Gesetzentwurf eines Kriegfolgenschlußgesetzes wurde in der vergangenen Woche vom Bundestag in erster Lesung beraten und an neun zuständige Ausschüsse überwiesen. Dieses Gesetz soll endlich einen Schlußstrich unter die Kriegsfolgeleistungen des Bundes ziehen. Sein Kernstück ist eine quotale Entschädigung von 6,5 v. H. des ehemaligen RM-Nennbetrages auf verbriefte Verbindlichkeiten des ehemaligen Reiches und des Landes Preußen. Leider enthält dieser „Schlußstrich“ noch viele Ausklammerungen. Vor allem soll die Entschädigung für erfolgte Reparationsleistungen noch einem weiteren Gesetz vorbehalten bleiben. Das wird besonders von den Reedern sehr bedauert, bleibt doch damit die Frage der Ersatzleistungen für die in den Jahren 1945/46 von den westdeutschen Reedern abgelieferten 450 Handelsschiffe mit rund 1,5 Mill. BRT weiterhin offen. Andererseits aber darf angenommen werden, daß sich mit der grundsätzlichen Ausklammerung der Reparationsentschädigungen der Gedanke einer echten Entschädigung gegenüber dem des sozialen Ausgleichs offenbar weiter durchgesetzt hat.

Die Reeder können für sich in Anspruch nehmen, daß sie mit der zwangsweisen Ablieferung von 450 Schiffen im Werte von rund 700 Mill. DM fast 15 v. H. der bundesrepublikanischen Reparationslieferungen aufgebracht haben. Dabei muß betont werden, daß diese privaten Reparationslieferungen erhebliche Vorleistungen auf Verpflichtungen waren, die schließlich den Staat betreffen. Ergo: der Staat ist um diese Vorleistungen bereichert worden, die seine Reparationsschuld gegenüber den Siegermächten erheblich gemindert haben.

An dieser Tatsache wird auch dadurch nichts geändert, daß der Wiederaufbau unserer Handelsflotte gute Fortschritte gemacht hat. Von der uns 1939 zur Verfügung gewesenen Handelsflotte von 4,4 Mill. BRT waren nach dem zweiten Weltkrieg nur noch 90 000 BRT übriggeblieben. Der Initiative der Reeder und nicht zuletzt der vorbildlichen Bauleistungen unserer Werften mit ihren hochqualifizierten Facharbeitern ist es zu danken, daß wir heute über rund 2,7 Mill. BRT verfügen und bis Ende dieses Jahres die 3-Mill.-BRT.-Grenze erreichen dürften. Das sind aber, wie Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm und Hamburgs Verkehrssenator Ernst Plate kürzlich übereinstimmend feststellten, noch immer 1 Mill. BRT zu wenig, um eine dem volkswirtschaftlichen Bedarf der Bundesrepublik entsprechende Handelflotte zu besitzen. Der unzureichende Umfang unserer Flotte ergibt sich allein schon aus der Tatsache, daß der westdeutsche Anteil am seewärtigen Schiffsverkehr in den Seehäfen der Bundesrepublik heute nur noch 26,4 v. H. beträgt; in der Vorkriegszeit waren es dagegen 50,5 v. H.

Der weitere kontinuierliche Ausbau ist bedauerlicherweise durch eine Reihe von Sorgen vorbelastet. Bisher wurden die Reeder durch das Fehlen einer ausreichenden Kapitaldecke dazu gezwungen, Neubauaufträge lediglich auf Grund von Bundesdarlehen, 7 d-Geldern und Beträgen aus dem Marshallplan an die Werften zu vergeben. Nach dem Auslaufen der recht sinn- und erfolgreichen 7 d-Geld-Aktion – sie ergab einen Betrag von rund 1,3 Mrd. DM – ist jetzt aber eine spürbare Zurückhaltung der Reeder in ihrer Auftragserteilung eingetreten. Das ist eine durchaus logische Reaktion: Die Reeder empfinden ihre drückende Schuldenlast immer deutlicher und haben sich inzwischen davon überzeugen müssen, daß man mit Darlehen allein eine Handelsflotte nicht aufbauen kann. Ihre Kriegsverluste belaufen sich nach heutigen Werten auf rund 5 bis 6 Mrd. DM, und darum weisen sie mit berechtigtem Nachdruck darauf hin, daß ihr Anspruch auf eine Entschädigung für die erlittenen Verluste nicht übersehen werden darf. Zudem waren sie auch nicht in der glücklichen Lage des Auslandes. Viele kriegsgeschädigte Reeder anderer Staaten konnten ihre Handelstonnage auf Grund der eingehenden Versicherungsleistungen erneut aufbauen, ganz abgesehen davon, daß mehrere Nationen ihren erfolgreichen Start auf den Weltmeeren der deutschen Zwangsablieferung von Handelstonnage zu danken haben.

Westdeutschlands Schiffahrtskreise rechnen nun mit einem günstigen Ausgang der angelaufenen Besprechungen über die Gewährung weiterer Bundesbürgschaften für Neubau-Darlehen und auch von Zinsverbilligungen. Falls es gelingt, alle diese Möglichkeiten zweckmäßig auszuschöpfen, könnten für den Schiffbau nach Ansicht von Senator Plate rund 450 Mill. DM beschafft werden. Damit würden die deutschen Werften 45 Frachter zu je 10 000 BRT bauen können. Aus diesem Grunde sind unsere Werften an dem erfolgreichen Abschluß dieser Verhandlungen ebenfalls sehr interessiert, obwohl sie jetzt in einer Zeit der Hochkonjunktur und auch der Vollbeschäftigung stehen. Sie sind noch lange Zeit mit Aufträgen aus dem In- und Ausland versehen und beschäftigen heute rund 95 272 Menschen.

Im September waren auf den westdeutschen Werften für deutsche Rechnung 190 Seeschiffe mit 439 365 BRT und für ausländische Rechnung 126 Schiffe mit 490 731 BRT im Bau. Die Ablieferungsleistungen unserer Werften – in diesem Jahr varen es bis Ende August 182 Schiffe mit 583645 BRT – sind spürbare Erfolge ihrer umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen und des technischen Fortschritts. Hierzu zählt in erster Linie der neuzeitliche Sektionsbau, d. h. der Schiffbau in einzelnen Teilen. Auf diesem Wege konnte erreicht werden, daß die Werften im vergangenen Jahr rund 900 000 BRT an Neubauten ablieferten, während sie in der Vorkriegszeit nur auf etwa 500 000 BRT kamen. Besonders vorteilhaft wirkten sich diese modernen Baumethoden aber auch auf den durchaus bestehenden Facharbeitermangel aus: Die Werften können sich – jedenfalls bisher noch – dank der neuzeitlichen Bauweise mit angelernten Kräften aus der Affäre ziehen ...

Von entscheidender Bedeutung aber ist es für die Werften wie ebenfalls für die Reeder, daß unserer Schiffahrt im letzten Stadium des bisher durchaus erfolgreich verlaufenen Wiederaufbaues bei der Beschaffung von langfristigem privatem Kapital geholfen wird. Trotzdem werden die westdeutschen Reeder in finanzieller Hinsicht – das weisen die Bilanzen sehr deutlich nach – noch lange auf recht schwachen Füßen stehen müssen. Eine gewisse Konsolidierung wird wohl erst dann zu spüren sein, wenn die Bundesrepublik sie für die erheblichen Reparationslieferungen entschädigt hat.