In Loccum, dem niedersächsischen Dörfchen unweit von Nienburg, das durch ein altes Kloster und durch die anmutigen Neubauten der "Evangelischen Akademie" berühmt geworden ist, sah man Vertreter der katholischen und der protestantischen Kirche in so schöner Einmütigkeit, daß man sogleich nach einem gemeinsamen Gegner Umschau hielt, der stark genug gewesen sein mußte, die religiösen Gegensätze auszugleichen. Doch welch ein Gegner konnte das sein? – Es waren zur dreitägigen Auseinandersetzung über das Thema "Die Freiheit des Rundfunks" Gäste aus den Behörden gekommen, an ihrer Spitze Staatssekretär Bleek vom Bundesinnenministerium, hauptsächlich aber Funkleute; doch deren Gruppe muß man teilen: da waren Männer aus den Funk-Aufsichtsräten (die "Rundfunkrat" und "Verwaltungsrat" heißen) und da waren jene Fachleute, deren Wirken über Mikrophon, Tonband, Ätherwelle und Lautsprecher zu uns, den Hörern, dringt. Diese Männer – um es gleich zu sagen – verhielten sich still; bis auf Eberhard Beckmann, den Frankfurter Funkintendanten, der ein paarmal auf ebenso charmante wie nachdrückliche Weise korrigierend in die Debatten eingriff.

‚Freiheit des Rundfunks‘ – wie soll dies Thema problematisch und also debattierreif sein? Ist denn nicht im Grundgesetz festgelegt, daß die freie Äußerung das demokratische Recht eines jeden Bürgers, speziell eines jeden Journalisten und Funkmannes ist, nur eingeschränkt durch die Gültigkeit anderer, den Staat oder die Einzelperson schützender Gesetze? Nun aber wiesen viele Redner in Loccum darauf hin, daß die Rundfunkanstalten eine Monopolstellung haben. Um so mehr drängen sich die Interessenten (es fiel das Wort, es seien 375 verschiedene Gruppen) und melden ihren Anspruch darauf an, daß sie ihr Plätzchen zur freien Meinungsäußerung auf diesem einzigen Podium eingeräumt erhalten. Vorab die Kirchen beider Konfessionen erheben diese Forderung, und die Argumente ihrer Vertreter in Loccum waren sehr einleuchtend: Das Christentum hat die abendländische Welt gestaltet; es ist auch am ehesten geeignet, die westliche Welt gegen den östlichen Materialismus zu schützen. Wahrlich, daß die Kirchen Einfluß nehmen, wenn schon Einfluß genommen werden muß, ist bedeutungsvoller, als daß die Parteien oder die Gewerkschaften oder die Arbeitgeber oder welch andere an sich wichtige Gruppe es sein mag, sich ihren Zeitanteil an den Sendezeiten sichern.

Politiker, die in Loccum zu Worte kamen, und ebenso einige Vertreter der Funk-Aufsichtsgremien ließen jedoch durchblicken, daß die Männer der Kirche ehestens in den Programm-Beiräten fordernd und fördernd arbeiten sollten. Nein, die Kirchen wollen gesicherte Sendezeiten, eigene Programmanteile, die völlig unabhängig vom Einfluß der Funkintendanten sind. Sie wollen, wie dies schon die katholischen Bischöfe in Fulda forderten, das Recht, eigene Sendungen zu gestalten, wie dies die Funkhäuser den politischen Parteien schon längst zugestehen mußten, so daß denn etwa beim "Politischen Forum" des NWDR – einer Sendestunde, zu der die Parteien jeweils ihre Diskussionsredner entsenden – getrost ein Sprecher hanebüchenen Unsinn von sich geben kann: der Leiter des Funks, zur Rede gestellt, lächelt nur bedauernd; er hat mit der Sache nichts zu schaffen. (Freiheit von Verantwortung – das ist auch eine Funk-Freiheit!) Es sei betont, daß wir nicht annehmen, Vertreter der Kirche könnten im Sachlichen so entgleisen, wie wir dies von Politikern am Mikrophon oft genug erlebt haben.

Es waren kluge Leute in Loccum versammelt, und sie nahmen ihre Sache ernst, und so fanden sie selbst das erklärende Wort: Mißtrauen! – Weil Mißtrauen zu den Krankheiten unserer Gegenwart gehört, möchte jeder spezielle Anteile haben und möchte jeder den anderen auf einen Bezirk von Befugnissen verweisen. Ein Beispiel: Die Politiker der Landtage haben die neuen Gesetze für den Norddeutschen und Westdeutschen Funk geschaffen, mißtrauisch beäugt von den Vertretern des Bundes, die längst ein allgemeines Funkgesetz vorbereiten, das "auf Bundesebene" gelten soll und das, wie andere Mißtrauische – übrigens wohl nicht zu Unrecht – fürchten, eines Tages bundeseigene, staatliche Funkanstalten entstehen lassen dürfte. Die Länderparlamente haben in Norddeutschland und in Westdeutschland je einen Funkrat gewählt, wobei sie mißtrauisch auf Parität bedacht waren; dieser wählte einen Verwaltungsrat, dem – unter anderem – die Wahl des Funkintendanten obliegt. Der westdeutsche Verwaltungsrat hat klug und rasch gehandelt und den bewährten Kölner Intendanten Hartmann ins Amt zurückgerufen; der norddeutsche Verwaltungsrat – belastet durch die Tatsache, daß hier drei Länder den Funkbereich des NWDR bilden – kann und kann sich nicht entschließen, dem nachweislich tüchtigsten Mann vor irgendeinem bequemen Manne den Vorzug zu geben. (Denn tüchtig und bequem zugleich – diese Eigenschaften hat’s vereint noch nie gegeben.)

Die eigentlichen Funkleute, die in Loccum mißtrauisch still blieben, horchten jedesmal auf, wenn von der "Intendanten-Frage" die Rede war. Sie sagten – nur sagten sie es leider nicht laut: Gremien hin, Gremien her: in der praktischen Arbeit regelt sich vieles nach Programm-Gesetzen, nach eigentlichen Funkregeln, vorausgesetzt, daß Intendanten da sind, die ihre, unsere Sache verstehen. Dann arbeiten wir mit den Kirchen, den Parteien, den Organisationen der ,Sozialpartner‘ und anderen Verbänden am besten, vorausgesetzt, daß deren Funkbeauftragte nicht nur mit Prinzipien, sondern auch mit Kenntnissen aufzuwarten wissen.’ Mit anderen Worten: Nichts wird in den Funkhäusern so heiß gegessen, wie es in Loccum gekocht würde.

Josef Marein