Von Ruth Hermann

In der hintersten Ecke der Speisekammer stand bei uns zu Hause ein etwa meterhohes Gerät mit zwei Handgriffen, das zum Aufhängen des Zwiebelbeutels benutzt wurde. Dieser „Zwiebelbeutelhalter“ war mir als Kind so selbstverständlich, daß ich erst nach Jahren auf den Gedanken kam, zu fragen, was für ein Apparat das eigentlich sei.

„Was für ein Ding ist das eigentlich?“ fragte ich also eines Tages, und meine Mutter sagte: „Ach, das ist ein Staubsauger“. Ich hängte den Zwiebelbeutel ab und nahm den Apparat heraus. Es war eine Art Blasebalg mit einem Metallbein, an dem ein Metallfuß saß, wie ihn auch heute die Staubsauger noch haben. Mit Muskelkraft bewegte mari seine beiden Handgriffe gegen- und auseinander und er saugte dann Brotkrümel und wahrscheinlich auch Staub vom Teppich. Ich war begeistert, wenn auch etwas erschöpft, als ich den Staubsauger ausprobiert hatte. „Mit der Teppichbürste wäre es leichter gewesen“, sagte meine Mutter, „und nun haben wir die Last, das Ding wieder sauber zu machen.“

Zweifellos ist heute das Verhältnis zwischen tatsächlicher Erleichterung durch einen Staubsauger oder sonst ein modernes Haushaltsgerät und „der Last, das Ding wieder sauber zu machen“ unvergleichlich günstiger geworden. Aber ein Rest der Neigung, so einen Apparat unbenutzt zu lassen, weil er nachher gereinigt werden muß, ist noch bei vielen Hausfrauen zu finden. Auch heute kommt es noch vor, daß die stolze Besitzerin eines kostbaren Mixers rasch die Zwiebeln mit dem Reibeisen zerkleinert oder „das bißchen Petersilie“ mit Messer und Brettchen, damit sie sich das Säubern des Apparats erspart. Ältere Hausfrauen, mit jener Trägheit seltener gesegnet, benutzen sie vielleicht als Vorwand für ihre uneingestandene Scheu vor allem Technischen.

Beides aber hält nur noch wenige Frauen davon ab, sich moderne Hilfsgeräte für die tägliche Hausarbeit anzuschaffen. Entscheidend ist fast immer nur, ob man das Geld hat oder nicht, sich den Staubsauger oder Mixer, den Kühlschrank und die Waschmaschine, eine Saftzentrifuge oder eine Reibe- und Schnitzelmaschine anzuschaffen. Von Jahr zu Jahr, von Ausstellung zu Ausstellung werden die Geräte praktischer und zeitsparender, und gerechterweise kann eine Hausfrau heute kaum noch behaupten, sie könne „genauso gut“ die Bürste anstatt des Staubsaugers, das alte Hackmesser oder die Blechreibe an Stelle des Mixers benutzen.

Nehmen wir an, die Hausfrau kommt mit einem Korb Johannisbeeren nach Hause und möchte Gelee einkochen. Sie sieht im alten Kochbuch nach, wie man es macht. Da steht: „Die Beeren werden gewaschen und mit einer Gabel abgebeert. Hat man nicht Zeit, sie langsam im Wasserbad platzen zu lassen, so gibt man soviel Wasser in ein sauberes Gefäß, daß der Boden bedeckt ist, schüttet die Beeren hinein, bringt sie auf das Feuer und schüttelt sie, wenn sie anfangen zu kochen. Wenn sie geplatzt sind, schüttet man sie zum Durchlaufen auf ein Tuch, welches an den vier Beinen eines Schemels festgebunden wurde. In den darunter gestellten Napf legt man dem kleingeschlagenen Zucker, welcher sich allmählich in dem Saft auflöst. Man kocht den Saft dann kaum fünf Minuten, macht auf einem Teller eine Probe auf seine Dichtigkeit und gießt ihn in die bereitstehenden Geleegläser. Zeitdauer der Bereitung zwölf Stunden.“

Unsere Hausfrau aber hat einen Entsafter als Zusatzgerät ihres Mixers oder einen Multipreß. Sie wirft die Johannisbeeren mitsamt den Stengeln hinein, und der Saft kommt sofort aus dem Ausfluß des Apparats heraus. Sie gibt den Zucker hinein, läßt fünf Minuten kochen, macht auf einem Teller eine Probe und gießt das Produkt in die bereitgestellten Geleegläser. Alles das zusammen dauert eine Viertelstunde. Sie säubert den Entsafter, braucht noch einmal fünf Minuten dafür, und dann stellt sie fest, daß der Apparat ihr elf Stunden und vierzig Minuten erspart hat.