dd., Wildflecken

Südlich der Rhön – in Waldberg, Katzenbach und Waldfenster – sprach man im vergangenen Jahre viel von „Dr. Ungemach aus Bad Kissingen“, der die Praxis des heilkundigen Pfarrers Pfennig übernommen habe und nun von Zeit zu Zeit in den abgelegenen Dörfern der bayerischen Rhön erscheine, um Wunderdinge zu tun.

Die treffsicheren Diagnosen des „Doktor Ungemach“ setzten die Dörfler in Staunen. So erklärte er am Bette einer alten Frau, die schon seit einem Jahr nicht mehr aufgestanden war: „Sie sind sehr krank!“ Einem Jungen aus Waldfenster sah er durch ein Vergrößerungsglas ins Auge und erklärte: „Bei dem Jungen wächst das Gehirn nicht mit.“ Er verschrieb ihm „Gehirnnahrung“.

Überhaupt verschrieb „Doktor Ungemach“, der sich in anderen Orten auch „Dr. Reiniger“ nannte, die teuersten Medikamente und versprach, sie gegen mäßige Anzahlung zu beschaffen. Er legte keinen besonderen Wert darauf, daß seine Patienten aus der Rhön ihn in Kissingen besuchten, denn – so erklärte er – „das kostet 2,80 DM mehr, und die muß ich ans Finanzamt abführen.“ Meist begnügte er sich bei seiner Landkundschaft mit Anzahlungen, und erklärte allen – auch den „Privatpatienten“: „Den Rest bezahlt die Ortskrankenkasse!“ Gelegentlich sagte er auch: „Wenn Sie in keiner Krankenkasse sind, dann ist das nicht schlimm. Meine Firma hat selbst eine Kasse, die den Rest bezahlt...“

Wegen fortgesetzten Betruges im Rückfalle, Unterschlagung und Vergehens gegen das Heilpraktikergesetz wurde jetzt der zwölfmal vorbestrafte Vertreter Hermann Reiniger vom Offenbacher Bezirksschöffengericht zu zwei Jahren Zuchthaus, 300 Mark Geldstrafe, drei Jahren Ehrverlust und fünf Jahren Berufsverbot verurteilt.