Wie dreist man sein kann, ohne in einem demokratischen Land die Freiheit der Meinungsäußerung zu verlieren, davon könnten die Mitglieder der „Deutschen Gesellschaft für Kultur- und Wirtschaftsaustausch mit Polen“ ein Lied singen, wenn man nicht befürchten müßte, daß der Grad ihres Bewußtseins mit dem Grad ihrer Dreistigkeit nicht Schritt halten kann. So wollen wir sie denn darauf stoßen: in unserer Nummer vom 10. 2. 1955 haben wir auf dieser Seite über das verwahrloste und zerstörte Grab des schlesischen Dichters Hermann Stehr berichtet. Das hat die seltsamen deutsch-polnischen Freunde, die eine Zeitschrift „Jenseits der Oder“ in Westdeutschland edieren, bewogen, einen ihrer Gewährsmänner namens Rudolf Gaebel nach Bystrzyca Klodzka, zu deutsch Habelschwerdt, zu schicken. Nach Monaten meldete sich der freundliche Gewährsmann denn auch. „Nun endlich war es mir möglich, nach Bystrzyca Klodzka fahren.“ (Solange hat er wohl auf die Reiseerlaubnis warten müssen.) Weiter berichtet er:

„Da das Grab Hermann Stehrs außerhalb der Stadt lag, in der die nun dort lebenden Menschen von einem Dichter Hermann Stehr nicht das mindeste wissen, war es durchaus denkbar, daß dieses Grab nicht mehr existierte...“, und der zweite Bürgermeister, ein Herr namens Wieczorek, und seine Sekretärin mußten zugeben, „daß ihnen von der Existenz des Grabes eines deutschen Dichters...“ nichts bekannt war.

Wie sollte ihnen auch etwas davon bekannt sein? Der deutsch-polnische Kulturaustausch war auch zuleiten, in denen sich die beiden Völker freundlich gesonnen waren, nicht so rege, wie es vielleicht nützlich gewesen wäre. Nun aber, da die Polen in deutschen Ländern sitzen, ist es durchaus nicht verwunderlich, daß sie von der Kultur dieser Landschaft keine blasse Ahnung haben. Verwunderlich ist nur, dies in einem Werbeblatt des kommunistischen Polens bestätigt zu finden.

Herr Gaebel findet dann das Grab Stehrs. Es ist überwuchert von Gras, der Gedenkstein nicht mehr vorhanden (unser Artikel vom Februar hat sich also im vollen Wortlaut bestätigt). Herr Gaebel beschönigt diesen Tatbestand noch nicht einmal, er meint dann: „Ich bin der Ansicht, daß die wenigen dagebliebenen Deutschen sich um das Grab etwas mehr hätten kümmern können.“ Dies genau ist der Punkt, wo die Dreistigkeit des Herrn Gaebel und seiner Freunde von der deutsch-polnischen Gesellschaft ihren makabren Höhepunkt erreicht. Den Unterdrückten, ihrer Güter, ihrer Familienangehörigen, kurz: ihres ganzen Lebensinhaltes Beraubten wird nun auch noch ein Tatbestand vorgeworfen, dessen sich – des sind wir sicher – jeder aufrechte Pole geniert. Um dieser aufrechten Polen willen, mit denen wir uns in Zukunft eine bessere und dauerhaftere Freundschaft wünschen, als sie in der Vergangenheit bestanden hat, sollte denn hier auch die Schändlichkeit falscher Fremde angeprangert werden. a. m.