Die Erklärung des Zentralbankrates, auf eine Fortsetzung der restriktiven Kreditpolitik zunächst zu verzichten, hat wesentlich zu einer Beruhigung der Märkte für festverzinsliche Wertpapiere beigetragen. Der Abgabedruck hat in den letzten Tagen jedenfalls nachgelassen. Damit ist jedoch ihre Aufnahmefähigkeit noch nicht wiederhergestellt, und es dürfte auch noch einige Zeit dauern, bis eine Normalisierung eingetreten ist. Im vergangenen Monat wurde sichtbar, in welchem geringen Maße sich erst private Anlegerkreise für die Zeichnung festverzinslicher Papiere gefunden haben. Nach dem Monatsbericht der Bank deutscher Länder für September waren die Kreditinstitute in den ersten acht Monaten dieses Jahres mit 55 v. H. am Erstabsatz (gegenüber 42 v. H. in der gleichen Zeit des Vorjahres) von festverzinslichen Wertpapieren beteiligt, öffentliche Stellen (hauptsächlich Sozialversicherungen) nahmen 18 v. H., Wirtschaftsunternehmen 23 v. H., und die privaten Käufer nur 4 v. H. auf. Kein Wunder also, wenn eine Liquiditätsbeengung der Banken sofort zu einem empfindlichen Druck auf die Rentenmärkte führen muß.

Der Zentralbankrat hat – so wird in dem bereits zitierten Monatsbericht ausgeführt – mit dieser Konsequenz gerechnet, als er die Zügel der Kreditpolitik straffte. Er glaubt sie aber verantworten zu können, weil er davon ausgeht, daß eine gesunde Währungspolitik auf die Dauer auch für eine günstige Entwicklung des Kapitalmarktes unerläßliche Voraussetzung ist. Die Stabilerhaltung des Geldwertes rangiert vor vermeintlichen „Kapitalmarktrücksichten“ – eine These, die wohl von niemandem bestritten werden kann. Im übrigen wird die Erwartung ausgesprochen, daß sich in einiger Zeit alles wieder „zurechtgezogen haben wird“. Ansätze für diese Entwicklung sind zweifellos schon zu erkennen.

Es ist weit übertrieben, wenn hin und wieder von einem „zerschlagenen“ Rentenmarkt gesprochen wird, denn echt gedrückt waren nur einzelne festverzinsliche Typen, voran die öffentlichen Anleihen und die Obligationen, die aus der Investitionshilfe stammen. Bei den übrigen Emissionen sind meist nur die außerbörslichen Überkurse zum Abbau gekommen. Im übrigen scheint manches Papier „preiswert“ geworden zu sein.

Die relativ geringen Umsätze an den deutschen Börsenplätzen beweisen, daß die Kundschaft im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Wertpapiermärkte optimistisch geblieben ist. Nach Jahren unaufhörlicher Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse haben die Baissiers einen schweren Stand. Selbstverständlich führte die in Fluß geratene westdeutsche Außenpolitik in Kreisen der ausländischen Kundschaft zu Umdisposierungen, also zu Positionslösungen. Diese haben jedoch zu keiner Zeit einen bedrohlichen Charakter angenommen, selbst dann nicht, als auf die Nachricht von der Erkrankung Eisenhowers hin in New York die Kurse stürzten. Zwar gab es auch an den deutschen Aktienmärkten empfindliche Rückschläge, doch konnten sie inzwischen bereits zu einem erheblichen Teil Wieder ausgeglichen werden. Die Börsentendenz ist von der Politik beeinflußbar, doch dürfte es übertrieben sein, von „politischen Kursen“ zu sprechen. Politische Kurse haben wir lediglich bei den Ostwerten und den Papieren mit Ostcharakter.

Die Hauptstütze des Aktiengeschäftes waren in der vergangenen Woche wieder die Montane, wo die HV der Gelsenkirchener Bergwerks-AG für Anregungen sorgte. Daneben schaffen Kombinationen über künftige Rekonzentrationen in der Schwerindustrie ständig neue Spannungen, die zu spekulativen Käufen Anlaß geben. Mit großer Aufmerksamkeit, betrachtet man die Bewegungen bei den GHH-Nachfolgern, deren Zusammenschluß vorausgesagt wird. Potente Kreise nehmen ständig Material auf. Die abwartende Haltung der Kundschaft, die wegen der angespannten Geldmarktlage zudem in ihrer Bewegung eingeschränkt ist, verhinderte bislang ein Ansteigen der Kurse. Das gleiche gilt für die meisten marktgängigen Werte der Montanindustrie. Bei Mannesmann ist der Nutzen, den der Aktionär durch die Wandelanleihe hat (Bezugsrecht 8:1), zu gering, um einen belebenden Einfluß auf den Kurs auszuüben, der zwischen 195 und 199 v. H. schwankte. Im übrigen blieben die komplizierten Emissionsbedingungen in den Börsensälen nicht ohne Kritik. Mehrheitskäufe wurden sichtbar bei Rhein. Westf. Eisen (252–265), Ruhrstahl (263 bis 270) und Gußstahl Witten 296 1/2–320). Der Erin-Kurs wurde bis 350 v. H. zurückgeführt.

Die IG-Farben-Nachfolgegesellschaften litten unter Auslandsabgaben. Durch spätere Rückkäufe aus der Schweiz setzten sich aber auch hier Erholungstendenzen durch. Von der vorübergehenden Börsenschwäche nahezu unberührt blieben die Bankaktien, wo die angekündigten Kapitalerhöhungen (Bankverein Westdeutschland) sowie die Hauptversammlungen der Nachfolger der Deutschen Bank zur Geschäftsbelebung beitrugen. Um mehrere Punkte fester lagen auch einige Regional- und Realkreditinstitute. Hier dürften ebenfalls Erwartungen auf ein Bezugsrecht in absehbarer Zeit den Ausschlag gegeben haben. Die teilweise beträchtlichen Schwankungen bei der Dt. Asiatischen Bank sind auf Positionslösungen zurückzuführen, die noch in Zusammenhang mit den spekulativen Käufen stehen, die anläßlich der Wiedereinführung der Aktien zu den relativ niedrigen Einführungskursen vorgenommen wurden.

Bei den beiden Standardwerten des Elktromarktes AEG (303–293) und Siemens (294–286) mußten die Kurse zurückgenommen werden. Von den Versorgungswerten lagen HEW weiterhin schwach. In dem rückläufigen Kurs kommt die Enttäuschung über die immer wieder verschobene Kapitalerhöhung bei der Gesellschaft zum Ausdruck. Ein Bezugsrecht dürfte dagegen bei W. Krefft AG zu erwarten sein. Die umlaufenden Dividendengerüchte wurden allerdings von der Verwaltung dementiert. Bei Jacobsen, Kiel, fanden die vermuteten Mehrheitskäufe auch auf erhöhter Basis (110–120) noch ihre Fortsetzung. Zu diesem Kurs scheint jedoch noch ausreichendes Material zur Verfügung zu stehen. Die Meinungskäufe bei Ruberoid in Erwartung einer Dividende für 1955 haben den Kurs vorübergehend bis an die Pari-Grenze herangeführt. Denn traten jedoch die Verkäufer auf den Plan, wodurch der Kurs wieder bis 95 v. H. gedrückt wurde. Kieler Eiche setzten ihren Abstieg bis 115 (125) v. H. fort.

Durch die Bewegungen auf dem Aktienmarkt ergaben sich Kursverschiebungen bei den Wandelanleihen. Nicht immer haben diese 6 1/2prozentigen Papiere in gleichem Maße reagiert wie die Aktien der betreffenden Gesellschaften, so daß sich hier reizvolle Möglichkeiten ergaben. Die Ausübung des Umtauschrechtes kann – vor allem unter dem Gesichtspunkt der Rendite – vorteilhaft sein. In einem Bericht der Hamburger Kreditbank wird dazu ausgeführt, daß die Wandelanleihen bei 6 1/2 v. H. einer Kapitalertragssteuer von 30 v. H. unterliegen, während – nach der Wandlung – auf die Aktie in den meisten Fällen eine darüberliegende Dividende gezahlt wird, die mit 25 v. H. Kapitalertragssteuer abgegolten ist. – Die Kurse für die Zertifikate der Investmentgesellschaften haben sich in der vergangenen Woche noch weiter abgeschwächt: FONDRA 218 3/4–217, FONDAK 346 1/2–345, FONDIS 135 7/3–134 1/2. –ndt.