Der Unterschied zwischen echten und künstlichen Blumen ist jedem bekannt, dagegen bereitet der Unterschied zwischen echter und künstlicher Dichtung bisweilen erhebliche Schwierigkeiten. Wenn die Phantasie stets eine Sekunde vor der Entdeckung echter, dem eigenwilligen Geiste entsprossener Wendungen und eines echten inneren Gefüges ermattet und nur noch die Kraft besitzt, das Klischee in eigenen Formulierungen darzubieten, dann haben wir auf dem Buchmarkt eines der seltenen Phänomene, in denen sich der Autor ernstlich, rechtschaffen, mit guter Technik und trauriger Vergeblichkeit bemüht, ein lebenskräftiges Wunderland der Verdichtung zu schaffen. – Zu diesen kuriosen Werken gehört:

„Der Matrose Gaël“ von Anne de Tourville (Insel-Verlag, 12,80 DM).

Dieser merkwürdige Held, französischer Seemann und Fischer, leidet 350 Seiten lang darunter, daß er niemals zum Nachdenken kommt, weil es ja schließlich nicht zu den Eigenschaften der Matrosen gehört, sehr intelligent zu sein, aber dafür hat er die Möglichkeit, sich seelisch zu entwickeln, die er jedoch – welch Kummer – ungenutzt läßt, da es bekanntlich auch nicht zu den Eigenschaften der Matrosen gehört, sehr sensibel zu sein. Wahrscheinlich sollte in sparsamer Schilderung der Eindruck entstehen, als geschähe diesem Manne das Leben und er wüßte es nirgends zu lassen.

Immerhin haben sich die einfachen Menschen schon längst in der Literatur häuslich niedergelassen, siehe Giono, Bosco und Monnier, doch Frau von Tourville verschmäht, was man anerkennen muß, die Imitation des Eingebürgerten und begibt sich mutig auf die Suche, den Ernst des Lebens auf ihre Weise zu gestalten.

Aus Sparsamkeitsgründen und vielleicht, weil es nicht mehr aktuell ist, verzichtete sie übrigens darauf, den Ort der jeweiligen Handlung sich und damit auch dem Publikum näher klarzumachen. Nirgendwo spielt das Meer mit, obwohl das Buch doch von Seefahrten handelt. Nirgendwann hört man den Wind in den Takelagen pfeifen, obwohl es Segelschiffe sind, mit denen Gael unterwegs ist. Matrose Gaël fährt also durch die Welt, spielt Mandoline, rettet Schiffbrüchige, raubt seinem Bruder die Verlobte, zeugt Kinder und merkt nicht, daß er alt wird, denn er unterliegt ja dem Walten einer bedeutsamen Phantasie, deren Aufgabe es ist, alles Unbequeme oder gar Erschütternde zu veredeln.

So blühe denn, Stil: „Das Meer ergriff wieder Besitz von ihm und schläferte sein Herz mit seinem grünen Zauber ein.“ Oder so: „Yves Gael sang für diesen bösen Wind, für diesen Wind höchsten Schmerzes.“ Auch die „verflucht (wie seemännisch) hübschen Kleider“ dürfen nicht fehlen, die roten und vollen Lippen, die schillernde Ungewißheit und die flüchtende Zeit. Sie bilden eine hehre Versammlung abgegriffenen Sprachgutes und wären sofort als Kitsch erkenntlich, wenn die Verfasserin sie nicht in das Seidenpapier eines sonst erträglichen Stils gewickelt hätte. Zu allem Überfluß glückte ihr auch noch ab und zu echte Poesie, wo sie von „Armbändern aus Frost“ spricht und von den Lichtern der Stadt Paris, die „mit langen Schnüren im Fluß angeln“. Auch ein Wecker, der „wie im Veitstanz hin- und hertorkelt“, wird zum brauchbaren Bild.

Summa summarum: das Opus bleibt ein Phänomen, dessen schönstes Prädikat es wäre, könnte man ihm Unreife zugute halten und auf Überzeugenderes hoffen. Dafür aber ist es leider mit zu viel Geschick geschaffen. Ingolf Jungclaus