T. F., Kairo, Ende September

Die Entscheidung Gamal Abdel Nassers und der ägyptischen Regierung, Waffen und strategisches Gerät aus den Ostblockstaaten zu beziehen, ist wohl als endgültig anzusehen; weder die Vorstellungen des britischen Botschafters in Kairo, Sir Humphrey Trevelyan, noch die Entsendung des US-Unterstaatssekretärs, George Allan, nach Kairo werden daran etwas zu ändern vermögen Die USA hatte 1952 Ägypten Waffenlieferungen in Aussicht gestellt, falls das Land sich dem Mittel-Ost-Verteidigungssystem anschließen würde. Die ägyptische Regierung hat nun getan, was vorauszusehen war, sie hat die „bedingungslosen Lieferungen“ vorgezogen.

Die Tatsache der Waffenlieferung selbst ist noch gar nicht einmal das Schlimmste, aber was sie alles involviert: schon seit einiger Zeit ist Kairo, die größte Stadt des Mittleren Ostens, zu einem Agitationszentrum für den arabisch-afrikanischen Raum geworden. Instrukteure und Agenten, die aus Moskau, Prag und Zlin stammen, den drei Hochburgen der anti-imperialistischen Schulung für Afrika, Südamerika und Fernost, werden ständig nach Ägypten eingeschleust. In Kairo ist überdies eine sowjetische Kulturzentrale gegründet worden, die mit wissenschaftlichen Untersuchungen das Interesse der Afro-Asiaten zu fesseln sucht.

Die sowjetischen Bemühungen, die diplomatisch vorbereitete Aktivität im Nahost-Raum auch auf Waffenlieferungen auszudehnen und Einfluß auf das militärische Stärkeverhältnis zu nehmen, sind keineswegs neu. Bereits im Winter 1953/54 hatte der Revolutionsrat eine starke Delegation unter Führung des Leiters der ägyptischen Rüstung, General Hassan Ragab, für mehrere Monate in die Sowjetunion und ihre europäischen Satellitenstaaten entsandt. Sie sollte, einer sowjetischen Einladung folgend, Rüstungsmaterial des Sowjetbereichs hinsichtlich seiner Verwendungsmöglichkeit für die ägyptische Wehrmacht überprüfen und Fragen des Erwerbs von Waffen und Ausrüstung klären. Die Vorgeschichte der letzten Ereignisse fällt also in die Zeit, in der General Nagib ausschied und die Regierung von dem radikalsten des Revolutionsrates übernommen wurde, von Gamal Abdel Nasser.

Man sollte sich heute daran erinnern, daß damals als erstes Ergebnis der ägyptisch-sowjetischen Kontakte ein Handelsvertrag geschlossen wurde, der sowjetischerseits die Lieferung von Kraftfahrzeugen, optischen und Funkgeräten sowie Öl vorsah. Wesentlich war hierbei die sowjetische Bedingung (sie wurde von der so sehr auf Unabhängigkeit bedachten ägyptischen Regierung angenommen), daß sowjetische „technische Experten“ nach Ägypten kommen sollten, um die notwendige Unterweisung in der Handhabung der gelieferten Geräte zu geben. Unmittelbar danach, im Frühjahr 1954, wurde zum erstenmal ein sowjetischer Militärattaché an die sowjetische Botschaft in Kairo geschickt. Es ist ganz selbstverständlich, daß sich aus der bevorstehenden Lieferung sowjetischer Waffen, mindestens auf militärischem Gebiet, ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zur Sowjetunion entwickeln muß, hängt doch die Auslieferung von Ersatzteilen sowie der Nachschub an Munition ausschließlich von dem guten Willen der Russen ab. Es wird zukünftig für die Ausbildung an dem sowjetischen Gerät unerläßlich sein, daß Instrukteure und „technische Berater“ aus dem Sowjetbereich Zutritt zu den ägyptischen Kasernen erhalten. Und ebenso gewiß werden in Zukunft ägyptische Offiziere – die bislang nach USA reisten – in die Sowjetunion zur Teilnahme an militärischen Lehrgängen kommandiert werden. Mit der Zeit werden auf diese Weise wohl auch sowjetische Führungsgrundsätze allmählich in die ägyptische Armee eindringen.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach Stellung und Verbleib der deutschen Berater in Ägypten, die unter der Leitung des Generals Fahrmbacher stehen. Konnte bisher die Anwesenheit’der deutschen Offiziere am Nil mit den Interessen der Stärkung der festlichen Verteidigung vereinbart werden, so ist es künftig nur schwer vorstellbar, daß westdeutsche Offiziere Seite an Seite mit Offizieren der Sowjetarmee die ägyptische Wehrmacht beraten und ausbilden.

Soweit sich aus den vorliegenden Informationen bisher übersehen läßt, wird sich die vereinbarte Lieferung von Waffen, Munition und strategischem Material in erster Linie auf „schweres Material“, also auf Artillerie, Raketenwaffen, Panzer und Flugzeuge erstrecken. Die Lieferanten hierfür sind die Sowjetunion und die Tschechoslowakei. Die Belieferung mit dem sogenannten „strategischen Material“, in diesem Falle besonders Eisenbahnmaterial sowie Maschinen für die ägyptische Rüstungsindustrie, soll durch Ungarn und die DDR erfolgen. Es ist unwahrscheinlich, daß die Sowjets an Ägypten neueste Ausrüstung liefern. Aber sicherlich wird es Gerät sein, daß seiner Qualität nach wesentlich über dem Stande der derzeitigen Ausstattung der ägyptischen Wehrmacht liegt, die im großen und ganzen eigentlich nur musealen Wert hat. Jedenfalls wird in absehbarer Zeit mit dem Auftreten moderner sowjetischer Panzertvpen – und der im Koreakrieg bewährten MIG 15 – am Nil zu rechnen sein.

Es ist den Sowjets also gelungen, über die Landbrücke von Suez hinweg einen strategisch wichtigen Brückenkopf in Afrika zu gewinnen. Da die sowjetische Politik erfahrungsgemäß auf weite Sicht und im großen Rahmen handelt, ist zu erwarten, daß diese vor aller Welt deutliche Stärkung der sowjetischen Position in Nah- und Mittelost auch bei den bevorstehenden großen internationalen Verhandlungen ihren Ausdruck findet. Sicherlich dient aber die Ausweitung des sowjetischen Einflusses im nahöstlichen und nordafrikanischen Raum sowie im Balkan bereits der politischen Vorbereitung der kommenden Konferenz über die Meerengen, die im Jahre 1956 stattfinden soll.