Am 9. Oktober dieses Jahres, anläßlich der Frankfurter Buchmesse, wird in der Paulskirche zu Frankfurt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dessen Inhaber bisher Max Tau, Albert Schweitzer, Romano Guardini, Martin Buber und Carl J. Burckhardt sind, an den Dichter Hermann Hesse verliehen.

Je länger man sich um sie bemüht hat, desto schwieriger und problematischer wird einem das Arbeiten mit der Sprache. Bald werde ich, allein schon aus diesem Grunde, nicht mehr imstande sein, irgend etwas aufzuzeichnen. So müßten wir uns, ehe ich von Engadiner Erlebnissen erzähle, eigentlich darüber einigen, was wir denn, unter „Erlebnis“ verstehen. Das Wort hat, wie so viele andere, während der relativ kurzen Zeit meines bewußten Lebens viel an Wert und Gewicht verloren, und von dem Goldgewicht, das es etwa im Werk von Dilthey einst hatte, bis zu der Entwertung durch den Feuilletonisten, der uns erzählt, wie er Ägypten, Sizilien, Knut Hamsun, die Tänzerin X. „erlebt“ habe während er all das vielleicht nicht einmal gut und treu gesehen und notiert hat, ist es ein weiter Weg nach unten. Aber ich muß, wenn ich meinem Verlangen folge und euch auf dem Umweg über Schrift und Druckerschwärze zu erreichen versuche, mich ein wenig blind machen und die Fiktion zu erhalten streben, es habe meine veraltete Sprache und Schreibweise noch immer für euch dieselbe Gültigkeit wie für mich, und es sei ein „Erlebnis“ für euch wie für mich mehr als ein flüchtiger Sinneneindruck oder ein beliebiger unter den hundert Zufällen des täglichen Lebens.

Etwas anderes, das mit der Sprache und meinem Handwerk nichts zu tun hat, ist es mit der Erlebensweise alter Menschen, und hier darf und mag ich mir keine Fiktion und Illusion erlauben, sondern bleibe bei dem Wissen um die Tatsache, daß ein Mensch jüngeren oder gar jugendlichen Alters überhaupt keine Vorstellung von der Weise hat, in der alte Leute erleben. Denn es gibt für diese im Grunde keine neuen Erlebnisse mehr, sie haben das ihnen Gemäße und Vorbestimmte an primären Erlebnissen längst zugeteilt bekommen, und ihre „neuen“ Erfahrungen, immer seltener werdend, sind Wiederholungen des mehrmals oder oft Erfahrenen.

Zu den mir zubestimmten, mir gemäßen und wichtigen Erlebnissen gehören nächst den menschlichen und geistigen auch die der Landschaft. Außer den Landschaften, die mir Heimat waren und zu den formenden Elementen meines Lebens gehören, Schwarzwald, Basel, Bodensee, Bern, Tessin, habe ich einige, nicht sehr viele, charakteristische Landschaften mir durch Reise, Wanderung, Malversuche und andere Studien angeeignet und sie als für mich wesentlich und wegweisend erlebt, so Oberitalien und namentlich die Toskana, das Mittelländische Meer, Teile von Deutschland und andere. Gesehen habe ich viele Landschaften und gefallen haben mir beinahe alle, aber zu schicksalhaft mir zugedachten, mich tief und nachhaltig ansprechenden, allmählich zu kleinen zweiten Heimatländern aufblühenden wurden mir nur ganz wenige, und wohl die schönste, anstärksten auf mich wirkende von diesen Landschaften ist das obere Engadin.

Ich bin in diesem Hochtal wohl zehnmal gewesen, einige Male nur für Tage, des öfteren aber für Wochen. Ich sah es zum erstenmal vor beinahe fünfzig Jahren, da brachte ich als junger Manr eine Ferienzeit in Preda über Bergün zu, zusammen mit meiner Frau und meinem Jugendfreund Finckh, und als es Zeit wurde, heimzukehren, entschlossen wir uns, noch eine tüchtige Wanderung zu machen. In Bergün unten schlug mir ein Schuster neue Nägel in die Sohlen, und zu dreien wanderten wir mit Rucksäcken über die Albula die lange schöne Bergstraße und dann die noch sehr viel längere Talstraße von Ponte nach St. Moritz auf einer Landstraße ohne Automobile, aber mit unendlich vielen kleinen ein- und zweispänniger Wägelchen, in einem nicht aufhörenden Staubgewölk. In St. Moritz dann verabschiedete sich meine Frau und reiste mit der Bahn nach Hause Während mein Kamerad, der die Höhe schlecht ertrug und nachts nicht schlief, immer stiller und mißlauniger wurde, kam mir trotz Staub und Hitze das oberste Inntal wie ein vorgeträumte: Paradies entgegen. Ich spürte, daß diese Berge und Seen, diese Baum- und Blumenwelt mir mehr zu sagen haben, als bei diesem ersten Anblick voll aufzunehmen und mir anzuzeigen möglich sei, daß es mich irgendeinmal hierher zurückziehen würde, daß dieses so strenge wie formenreiche, so ernste wie harmonische Hochtal mich angehe, mir etwas Wertvolles zu geben oder etwas von mir zu fordern habe. Nach einem Übernachten in Sils Maria (wo ich heute wieder bin und diese Notizen schreibe) standen wir am letzten der Engadiner Seen, ich forderte meinen reisemüden Freund vergeblich auf, er möge doch die Augen auftun, über den See weg nach Maloja und gegen das Bergell blicken und sehen, wie unerhört edel und sehen, dieses Bild sei, es war vergeblich, und gereizt sagte er, mit ausgestrecktem Arm in die gewaltige Raumtiefe weisend: „Ach was, das ist eine ganz gewöhnliche Kulissen Wirkung.“ Worauf ich ihn vorschlug, er möge die Landstraße nach Maloja gehen, während ich auf der anderen Seeseite den Fußweg nahm. Am Abend saß auf der Terrasse der Osteria Vecchia jeder von uns beiden, weit vom andern, allein an einem Tischchen und aß seinen Imbiß, erst am nächsten Morgen versöhnten wir uns und sprangen vergnügt die Abkürzungen der Bergellstraße hinab...

Und nun bin ich auch in diesem Sommer wieder hier heraufgekommen, auf einem neuen Wege diesmal, denn am Tage unserer Reise war im Bergell die Straße verschüttet, die Brücken zerstört, und wir mußten den uns bis dahin unbekannten Umweg über Sondrio, Tirano, das Puschlav und den Berninapaß nehmen, einen weiten, aber überaus schönen Umweg, dessen tausend Bilder mir jedoch bald wieder in Unordnung und ins Schwinden gerieten, am besten erhalten hat sich der Eindruck der gewaltigen, hundertfach gefältelten und terrassierten oberitalienischen Weinhügel, ein Bild, das mir in jüngeren Jahren wenig interessant gewesen wäre. Damals war es die menschenlose, ungezähmte, wilde und womöglich romantische Landschaft, auf die ich begierig war, viel später erst und mit den wachsenden Jahren immer mehr ist mir auch das Zusammen von Mensch und Landschaft, ihre Formung, Überlistung und friedliche Eroberung durch Acker- und Weinbau lieb und interessant geworden: Terrassen, Mauern und Wege, den Hängen angeschmiegt und deren Formen verdeutlichend, Bauernklugheit und Bauernfleiß im stillen zähen Kampf mit den zerstörerischen Wildheiten und Launen der Naturgewalten.

In den Jahrzehnten meiner Beziehungen zu unserem Hpchtal, dem schönsten mir bekannten Geburtshause eines großen Stromes, habe ich natürlich auch das Fortschreiten der Mechanisierung, der Überschwemmung mit Fremden und der Spekulation beobachten können, beinahe ebensosehr wie in der Umgebung meines Tessiner Wohnortes. St. Moritz war schon vor fünfzig Jahren nichts andres mehr als ein betriebsames Fremdenstädtchen, und der schiefe, alte Kirchturm schien schon damals betrübt und senil über dem Gedränge der öden Nutzbauten zu hängen, gewärtig einer nutzbringenderen Verwendung seiner geringen Grundfläche und jede Stunde bereit, vollends der Statik verlustig zu gehen und einzustürzen. Indessen steht er heute noch unverändert und hält gelassen sein Gleichgewicht, während manche der überdimensionierten, brutalen Spekulationsbauten der Zeit um 1900 schon wieder verschwunden sind. Aber überall innerhalb des nicht großen Raumes zwischen St. Moritz und Sils und bis weit ins Fex hinein schreitet die Parzellierung und Ausschlachtung des Bodens, die Besiedlung mit großen und kleinen Wohnhäusern, die Überfremdung der Bevölkerung mit jedem Jahre rascher fort. Es stehen da eine Menge von Häusern, in denen nur wenige Monate, ja oft nur wenige Wochen des Jahres Menschen wohnen, und diese an Zahl immer wachsenden Mitbewohner der Talgemeinden bleiben zum großen Teil den alten Bewohnern, deren Heimat sie aufkauften, fremd, auch die Wohlgesinnten sind den größten Teil des Jahres nicht da, sie erleben die bitteren Zeiten des Einwinterns, der Lawinen, der Schneeschmelze nicht mit und haben kaum teil an den oft schweren Sorgen und Nöten der Gemeinden.