Folgende Geschichte trug sich in der vergangenen Woche an der österreichisch-ungarischen Grenze zu: Joseph Horwath, einem Ungarn, war die Flucht über die Minenfelder der ungarischen Grenze nach Österreich gelungen. (Wie die NZZ berichtet, sind seit Inkrafttreten des Wiener Staatsvertrages 613 Flüchtlinge aus den drei benachbarten Volksdemokratien nach Österreich geflüchtet.) Tags darauf erschien ein ungarischer Leutnant mit zehn Mann bei dem österreichischen Grenzposten und verlangte die Herausgabe des Flüchtlings. Da dies rundweg abgelehnt wurde, versuchte er es mit einer, wie er meinte, reizvollen Offerte: Ungarn sei bereit, zwei österreichische Buben von elf und dreizehn Jahren im Austausch gegenzuliefern. Die beiden Kinder, die – wie Nachforschungen ergaben – aus einem Internat in der Steiermark stammten, waren bei einer Radtour versehentlich über die Grenze geraten und in Ungarn inhaftiert worden. Dieser Grenzzwischenfall wurde zu einem ernsthaften Konflikt zwischen Wien und Budapest und konnte erst – nach Tagen – beigelegt werden, als die Ungarn sich aus Sorge, die unterbrochenen österreichisch-ungarischen Wirtschaftsverhandlungen könnten nicht wiederaufgenommen werden, bereit erklärten, die beiden verirrten Kinder wieder heimzuschicken.

Wer hätte zu jenen Zeiten, da Österreicher und Ungarn unter einem Herrscher, dem Kaiser von Österreich und apostolischen König von Ungarn, vereinigt waren, gedacht, daß sie eines Tages – in einen demokratischen und einen volksdemokratischen Staat zerteilt – Menschenhandel miteinander treiben würden: ein Erwachsener gegen zwei Kinder! Als im Laufe des 19. Jahrhunderts der Menschenhandel überall in der Welt abgeschafft wurde, meinte man, dieses scheinbar fortschrittlichste aller Jahrhunderte werde den Menschen in gerader Linie allmählich zu einem höheren Wesen entwickeln. Welch ein Irrtum! Dff.