H. L., Belgrad, Anfang Oktober

Jugoslawiens wirtschaftliche Schwierigkeiten werden vielfach der dogmatischen Auslegung marxistischer Theorien zur Last gelegt, und die Schuld an der prekären Wirtschaftslage wird dem kommunistischen Wirtschaftssystem zugeschrieben. Aber Jugoslawien hat im Laufe der letzten zehn Jahre mannigfaltige Schwierigkeiten zu überwinden gehabt. 1945 wurde der Kriegsschaden des Landes auf 46,9 Mrd. $ errechnet. Zudem waren 3,5 Millionen Menschen obdachlos geworden.

Wegen der engen Bindung an Moskau bezog das Land (bis zur Kominformerklärung im Juni 1948) 51 v. H. seiner Waren aus dem Ostblock.

Naturgemäß war dadurch auch die Ausfuhr Jugoslawiens auf den Osten orientiert! Nach der östlichen Wirtschaftsblockade, die Jugoslawien einen riesigen Schaden zugefügt hat, mußte sich das Land völlig umorientieren. Aber auch das Militärbudget mußte wegen der gespannten politischen Verhältnisse erhöht und eine Kriegsindustrie im eigenen Lande entwickelt werden. – Vor 1948 gab es in Jugoslawien keine nennenswerten Rüstungsbetriebe. Bis 1952 aber wurden 1,2 Mrd. $ (neben der Militärhilfe aus den USA) aus eigenen Mitteln aufgebracht. Auch 1954 war das Land noch gezwungen, 554 Mill. $ für die Rüstung auszugeben, und erst in diesem Jahr ist man dazu übergegangen, in den Rüstungswerken auch für den Zivilbedarf zu produzieren. Diese Militärausgaben haben den Staatshaushalt zu einer Zeit schwer belastet, in der sich Jugoslawien im Stadium des Experimentierens befand. So hatte es sich in der Landwirtschaft gezeigt, daß die nach sowjetischem Muster errichteten Kollektivwirtschaften unrentabel arbeiteten, da weder genügend Landmaschinen noch versiertes leitendes Personal zur Verfügung standen. Es trat weiterhin der Zeitpunkt ein, an dem die nach Moskauer Schema zentralgelenkten Staatsbetriebe in den Status der „sozialistischen“ Betriebe umgewandelt wurden, den einer der führenden jugoslawischen Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Zagreb so definiert: „Sozialistische Betriebe sind keine Unternehmungen, sondern Kommissionsgeschäfte, die im eigenen Namen, aber für fremde Rechnung tätig sind.“

Die Exportmöglichkeiten des Landes haben sich seit dem Kriegsende grundlegend geändert. Zwar stehen bei der Ausfuhr immer noch die Pflanzenprodukte an erster Stelle, doch werden gerade auf diesem Gebiet die Exportchancen von Jahr zu Jahr sinken, da Jugoslawien jährlich einen Bevölkerungszuwachs von 300 000 Menschen zu verzeichnen hat. Jugoslawien kann sich schon jetzt nicht mehr – wie vor dem Kriege – selbst ernähren, sondern muß Getreide aus dem Ausland einführen. Amerika schenkte in diesem Jahr Jugoslawien 1,1 Mill. t Weizen. Um aber in Zukunft das Getreidedefizit ausgleichen zu können, muß ein neuer Wegbeschritten werden. So hatte sich die Reise Titos nach Burma vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht als recht günstig erwiesen: Burma wird in den nächsten Monaten 50 000 t Reis liefern, während der jährliche Verbrauch Jugoslawiens bisher nur bei 3000 t lag.

Da Jugoslawien auf dem Weltmarkt nicht nur mit Rohstoffen aufzutreten beabsichtigt, waren große Investitionen in der Industrie notwendig. Dazu werden in den USA und in der Bundesrepublik größere Kredite aufgenommen. Eine Werft in Split, die jetzt Schiffe bis zu 10 000 BRT baut, eine Turbinenfabrik mit 3600 Arbeitern und eine Werkzeugfabrik in Zagreb, die 1700 Arbeiter beschäftigt, sind nur einige derjenigen Großbetriebe, die in den letzten sechs Jahren in Jugoslawien erbaut worden sind. Allerdings sind diese Betriebe größtenteils von der Rohstoffeinfuhr abhängig. Da aber wegen der Dürren der letzten Jahre vorwiegend Lebensmittel im Ausland eingekauft werden mußten, sind viele Werke zur Zeit nicht genügend ausgelastet. Das trifft vor allem für die Baumwollindustrie zu. Um den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben, mußte Jugoslawien aber den Schritt zur Industrialisierung tun, da es in Zukunft durch seine Fertigerzeugnisse fehlende Devisen beschaffen muß.

Die Normalisierung der Beziehungen zur Sowjetunion hat Jugoslawien einige wirtschaftliche Vorteile gebracht. Obwohl sich das Land niemals mehr auf eine einseitige Bindung im Güteraustausch einlassen will, wird ihm das am 1. September auf 70 Mill. $ erweiterte Handelsabkommen mit der UdSSR, das über drei Jahre läuft, spürbare Hilfe bringen. Gemessen an den früheren Handelsbeziehungen – der Gesamtumfang des Warenaustausches zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien betrug 1948 etwa 80 Mill. $ – ist dies natürlich ein bescheidener Anfang. Doch die sowjetische Anleihe von 30 Mill. $ und ein 54-Mill.-Kredit für große Industriebauten können vielleicht „den wirklichen Frühling in den Beziehungen dieser beiden Völker“ (Woroschilow) bringen. Daß zudem Moskau die jugoslawischen Schulden in Höhe von 90 Mill. $ aus der Zeit vor 1948 gestrichen hat, wurde in jugoslawischen Wirtschaftskreisen als ein Entgelt für die während der Wirtschaftsblockade von der Sowjetunion den Jugoslawen zugefügten Schäden aufgenommen.

Seit Wochen beschäftigt sich nun die jugoslawische Öffentlichkeit kritisch mit der Frage der Forderungen an Deutschland: also an die Bundesrepublik. Man spricht von einer gewollten Verzögerung der Verhandlungen – seit über zweieinhalb Jahren ist man noch zu keinem Ergebnis gekommen. Jugoslawien wurde auf der Pariser Reparationskonferenz (1948) wegen seiner Forderungen auf den Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland vertröstet. Artikel 22 des Londoner Abkommens vom 27. Juli 1953 hat allerdings die Bundesrepublik verpflichtet, ihren Zahlungsverpflichtungen aus der Sozialversicherung gegenüber Jugoslawien, die his zum Mai 1945 eingetreten sind, nachzukommen. Es handelt sich dabei auch um Löhne und Sparguthaben, die jugoslawischen Kriegsgefangenen, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern vorenthalten worden waren. Diese Verdienste sind, zusammen mit den Sozialversicherungsbeträgen, auf 192 Mill. $ bemessen und von Jugoslawien selbst auf 100 Mill. reduziert worden. Jugoslawien stützt sich bei dieser Berechnung seiner Forderungen auf Unterlagen, die vom Internationalen Arbeitsamt anerkannt worden sind. Die Bundesrepublik will dagegen (statt bisher 27 Mill. DM) 54 Mill. DM bieten, außerdem ein zinsloses Darlehen von 160 Mill. DM. Über diesen neuen deutschen Vorschlag ist Belgrad schwer enttäuscht.