Von Jan Molitor

Am Tage nach Peter und Paul, also am 30. Juni, irrten wir durch Köln. Es war 1943, und die Stadt lag in Schutt und Asche. Die englischen Flieger hatten, wie es in einem ihrer Berichte hieß, "ganze Sache gemacht". Gewiß hatten sie den Dom schonen wollen, und wirklich ragten seine Türme gespenstisch über einem riesigen schwelenden Trümmerfeld ins Leere, aber einer der Bombenschützen hatte wohl in der Aufregung des nächtlichen Angriffs den rechten Augenblick verpaßt: seine Bomben fielen in die Kathedrale. Weil dieser eine Pilot schlechte Nerven hatte, bauen die Kölner an ihrem Dom seit zehn Jahren und werden ihn erst im nächsten Jahr völlig wiederhergestellt haben. – In jener Peter-und-Pauls-Nacht versank alles in Trümmern, was den Stolz der Kölner ausgemacht hätte: das gotische Rathaus, die alten Kirchen, die mittelalterlichen Bürgerhäuser der Innenstadt, das Museum, auch der Gürzenich, jener Tanz-, Fest- und Konzertsaal, den das demokratische Köln Anno 1447 auf dem Grundstück der Ritterfamilie derer von Gürzenich errichtet hatte: ein steinernes Dokument des Sieges, den die Zünfte über den Adel und die Patrizier errungen.

Nach jener Bombennacht war Köln verschwunden, aber die Kölner waren noch da. An einem Warenhaus, dem Fenster und Türen fehlten, war eine Tafel flüchtig angebracht: "Durchgehend geöffnet." Die Witze, die im Dritten Reich Von Jahr zu Jahr boshafter geworden waren – jetzt wurden sie bitter. Tünnes, so hieß es, sei von seinem Luftschutz-Beobachtungsposten auf dem Rathausturm samt der Bombe durch alle Stockwerke hindurch in die Tiefe gestürzt. Ehe er im Keller starb, flüsterte er: "Hauptsache, Danzig ist deutsch ..."

Dieselbe Bombenreihe, die den Gürzenich vernichtete, zerstörte auch die alte Kirche von St. Alban, in deren Gruft sich das Grab Stephan Lochners befindet. Die Gürzenich-Außenmauern ließen sich retten, die Ruinen der Kirche aber – ehrwürdig noch in der Zerstörung – waren endgültig. Und doch: Gürzenich und St. Alban, diese seit Jahrhunderten benachbarten Bauten, gehören zusammen: hier Fröhlichkeit, Repräsentation, Musik, Karneval, Weltliches; dort Frömmigkeit, Einkehr, Gebet, Ewiges – Mit dieser Überlegung begann das, was man – den modernen Kölnern Zu Ehren – "kölnisch bauen" nennen sollte.

Am Sonntag – nach sechsjähriger Bauzeit – wurde der wiedererstandene Gürzenich festlich eingeweiht. Die gotischen Außenmauern sind wie einst. Aber den Eingang fanden wir nicht mehr am alten Platz. Er ist heute in einem modernen Bauteil, der den Gürzenich mit der Kirche verbindet. Und da nun empfängt den Eintretenden ein überraschendes Bild, das denn auch schon einige Kritik hervorgerufen hat: ein Foyer und ein weites Treppenhaus, weiße Wände, schlanke Säulen, lichte Fenster. Zur rechten Hand aber wird der moderne Raum begrenzt von grauen Mauern, die sich vorwölben: es ist die Ruine von St. Alban. Ein Eindruck, der zutiefst befangen macht. Und wirklich sprach bei der Einweihungsfeier der Ehrenbürger Kölns, Konrad Adenauer, von Befangenheit, die den Eintretenden anfällt, Befangenheit vor einem Kunstwerk, wie er sagte. – Die Treppen sind, da Platz genug vorhanden war, so weit und schön geschwungen, wie man dies in alten Barockschlössern erlebt, nicht aber sonst bei moderner Architektur. Die Festhalle, der berühmte Gürzenich-Saal, liegt im oberen Stockwerk, und erregend schlägt einem, wie einst, der Hall von Menschenstimmen entgegen, ein dumpf und hell gemischtes Brodeln. Ist man diesem unartikuliertem Klingen entgegengestiegen, so gelangt man in einen Umgang, in dem der Gegensatz: Modern – Uralt am kräftigsten in Erscheinung tritt; als ein Schock, wie einige Kritiker sagten.

Was soll aber solche Kritik? Man geht die Rundung an einem Geländer entlang, zugleich an den Kirchengemäuern von St. Alban. Wo Fenster oder Ruinenöffnungen in den grauen Mauern sind, blickt man hinein und hinunter ins Innere des Gotteshauses, das noch in seiner Zerstörung so viel Erhabenheit und Größe atmet. Unten, im leeren dachlosen Kirchenraum, knien steinerne Gestalten!

Den Kirchenmauern gegenüber öffnen sich die Türen zum Gürzenich-Saal, der nicht mehr zweischiffig mit hölzernen Säulen prunkt (schon die Romantik hatte ja aus der alten, echten Gotik der Innenausstattung eine Pseudo-Gotik gemacht), sondern einschiffig ein moderner Raum geworden ist. Das ist ohne Zweifel vorbildliche Architektur, deren Schöpfern – Rudolf Schwarz und Karl Band – es sogar gelungen ist, akustischen Erfordernissen zu genügen; denn es klang herrlich in diesem Saal, als das Städtische Orchester – das Gürzenich-Orchester – gemeinsam mit dem Gürzenich-Chor ein Stück aus Orffs "Carmina Burana" anstimmte.